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SFB 1015:  Muße. Konzepte, Räume, Figuren

Fachliche Zuordnung Geisteswissenschaften
Agrar-, Forstwissenschaften und Tiermedizin
Geowissenschaften
Medizin
Sozial- und Verhaltenswissenschaften
Förderung Förderung von 2013 bis 2021
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 197396619
 
Erstellungsjahr 2022

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Mit Muße bezeichnen wir abgegrenzte Zeitabschnitte, in denen die Zweckbestimmtheit des Handelns und die Notwendigkeit von Produktivität aus dem Fokus der Aufmerksamkeit gerät. In Muße treten die vielfältigen Anforderungen zurück, die an Menschen gestellt werden, und Möglichkeiten, Freiheit und das ziellose Einlassen auf die Situation gerät in den Vordergrund. Muße schafft so ein temporäres Gefühl der Freiheit von äußeren und inneren Ansprüchen. Daraus entsteht ein Freiraum für Neues: Die Produktivitätsentlastung der Muße wird auf neue und unvorhergesehene Weise produktiv. Mußezeiten sind also gleichzeitig von Produktivitätsansprüchen entlastet und mit Erwartungen neuer Produktivität verknüpft. Weil sie eine erfahrungsbasierte Möglichkeit bieten, gesellschaftlichen Ansprüchen auf Zeit zu entkommen, werden sie oft zur Grundlage von Bildern selbstbestimmteren Lebens. Konzepte von Muße sind mit normativen Vorstellungen des guten Lebens verbunden und beinhalten oft eine Kritik der herrschenden Zustände im Namen individueller Freiräume. Auch heute gewinnen Konzepte von Muße als Gegenbild zu einer als in steter Beschleunigung begriffenen Gesellschaft und als Vehikel der Kritik an kapitalistischer Arbeits- und Gesellschaftsorganisation neue Prominenz. Vor diesem Hintergrund hat der Freiburger Sonderforschungsbereich 1015 von 2013 bis 2022 Mußevorstellungen und -praktiken konzeptuell, ideengeschichtlich und empirisch in interdisziplinärer Perspektive untersucht. Der Schwerpunkt der ersten Förderphase lag fachlich in den Geisteswissenschaften, inhaltlich in der konzeptuellen Klärung und historischen Schärfung des Mußebegriffs. In der zweiten Förderphase von 2017 bis 2021 verschob sich dann das disziplinäre Gewicht stärker in Richtung Sozialwissenschaften, die inhaltliche Ausrichtung hin zur gesellschaftlichen Bedeutung von Muße. Der SFB hat sich mit der spezifischen Erfahrungsqualität von Muße ebenso beschäftigt wie mit den Diskursivierungen, denen sie unterworfen wird, und den gesellschaftlichen Folgen, die sowohl die Erfahrung als auch ihre diskursive Verhandlung haben. Muße ist mit einer Veränderung des Verhältnisses zur Welt und oft mit einer Veränderung leiblicher Erfahrung verbunden. Das Verhältnis zum Verstreichen der Zeit und zur räumlichen Gebundenheit verändert sich: An die Stelle von konsekutiver, auf die Erfüllung von Aufgaben verwendbarer Zeit tritt im Erleben eine Dauer; wo man überhaupt die Zeit fokussiert, steht nicht ihr Verstreichen, sondern ihr Verweilen im Zentrum der Wahrnehmung. Auch Raum wird in Muße stärker als Möglichkeit der freien Aneignung denn als Einengung empfunden. Aufgrund dieser Erfahrungsqualität unterscheidet sich Muße vom gewöhnlichen Alltag. Es gibt ein Vorher und ein Nachher der Muße, und Mußezeiten nehmen im Vergleich zum Alltag eine besondere Qualität an. Das kann Ansatzpunkt der Reflexion von Muße und ihrer konzeptuellen und semantischen Abgrenzung von anderen Zeiten werden. Wo Muße semantisch unterschieden wird, wird sie typischerweise auch mit Wertungen und Rollenerwartungen verbunden. Nicht jede*r kann und soll zu jeder Zeit Muße haben, und nicht jede Art, Muße zu füllen, erscheint gleichermaßen als würdevoll. Die Offenheit der Muße schafft die gesellschaftliche Notwendigkeit, ihre Sprengkraft in gesellschaftlich als nützlich anerkannte Richtungen zu domestizieren. Ob es nun die Erkenntnis des Philosophen ist, das Werk des Künstlers oder die Gottesschau der Mystikerin: das Recht, sich auf Zeit von Produktivitätsanforderungen zu verabschieden, wird mit der Pflicht verbunden, diese Zeit auf wertvolle Weise zu nutzen. Solche Diskursivierungen immunisieren die Muße derjenigen gegen Kritik, die sich auf sie berufen können und lassen andere Varianten von Muße als ungerechtfertigtes Nichtstun erscheinen. Sie verbinden also Muße mit bestimmten Inhalten und gleichzeitig mit gesellschaftlichen Rollen – mit Bildern von Geschlecht, Klassenzuschreibungen, ethnischen und religiösen Identitäten und so weiter. Solange Muße jedoch Offenheit ermöglicht, kann sie auch ihre eigenen diskursiven Bedingungen unterlaufen. Diese Möglichkeit der Transgressivität ist für die gesellschaftliche Sprengkraft entscheidend, die sie immer wieder als erfahrungsbasierter Ansatzpunkt innergesellschaftlicher Kritik an Produktivitätsansprüchen entwickelt.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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