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Weshalb sind Megakirchen attraktiv? Kulturelle Reproduktion und Netzwerkstrukturen einer neuen kirchlichen Organisationsform in den USA

Subject Area Empirical Social Research
Term from 2011 to 2015
Project identifier Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Project number 210588186
 
Final Report Year 2020

Final Report Abstract

Das Projekt beschäftigte sich mit der Frage, weshalb Megakirchen in den USA seit einigen Jahrzehnten so stark wachsen. Megakirchen sind protestantische Gemeinden mit meist evangelikaler Ausrichtung, die an einem durchschnittlichen Wochenende mindestens 2.000 Besucher anziehen. Ziel des Projektes war es, den Mechanismus des Organisationswachstums herauszuarbeiten. Ein wesentliches Projektergebnis besteht darin, dass die Megakirchen ein wichtiger Träger einer religiösen "Marktlogik" sind, die den bis dahin vorherrschenden Denominationalismus im protestantischen Feld der USA abzulösen scheint. Ein wesentliches Merkmal des religiösen Marktes besteht darin, dass die Gemeinden sich zu autonomen organisationalen Akteuren entwickeln, die miteinander um das Geld und die Zeit (potenzieller) Mitglieder konkurrieren. Im Rahmen einer vergleichenden Fallstudie mit unterschiedlich großen Gemeinden in den USA, davon sind zwei große Megakirchen, wird gezeigt, wie sich die Gemeinden das Leitbild des religiösen Marktes aneignen. Der Mechanismus des religiösen Wachstums enthält vier Komponenten, wobei die Komponenten (1) und (4) unspezifische Merkmale moderner Organisationen repräsentieren, während es sich bei den Komponenten (2) und (3) um spezifische Merkmale religiöser Marktakteure handelt. (1) Die Gemeinden werden im Übergang von der Denominations- zur Marktlogik innerhalb des protestantischen Feldes von relativ passiven und heteronomen "Verwaltungseinheiten" in hochgradig handlungsfähige und autonome Akteure transformiert, deren wesentliches Ziel darin besteht, die eigenen Mitgliederzahlen fortwährend zu steigern. Die Aufmerksamkeit richtet sich insbesondere auf die Vergrößerung der organisatorischen Autonomie im Sinne einer selbstbestimmten "Kontrolle über die Erreichung eigener Handlungsziele". Der erste Schritt zur Autonomie besteht in der Lockerung der Bindungen an die Denomination und die eigenen Mitglieder. Die Bedeutung ethnischer, nationaler und regionaler Zugehörigkeiten, mit denen die einzelnen Denominationen lange stark assoziiert waren, rückt langsam in den Hintergrund. Auch die Beziehung zu den Mitgliedern wird flexibler: Ob ein Gemeindemitglied aktiv z.B. als Hauskreisleiterin arbeiten will oder nur unregelmäßig zu den Gottesdiensten erscheint – die Megakirche passt sich den Ansprüchen jeweils an. Dadurch wird sie als Organisation nicht nur effizienter in ihrer Ressourcenmobilisierung, sie steigert insgesamt ihre Fähigkeit zum autonomen Handeln, weil sie auf die spezifischen religiösen Überzeugungen ihrer Mitglieder nicht mehr so viel Rücksicht nehmen muss. (2) In der Rolle der Anbieter erzeugen die Megakirchen zweitens "religiöse Güter". Sie lösen religiöse Praktiken aus ihrem traditionellen Hintergrund heraus und produzieren so eine größere Pluralität von Optionen für die religiösen Konsumenten. Auf diese Weise werden zugleich tauschfähige religiösen "Produkte" erzeugt, welche von den religiösen Konsumenten erneut angeeignet werden müssen. Die Aufmerksamkeit richtet sich hier auf die systematische Subjektivierung der persönlichen Religiosität. Da die Partizipation der Gläubigen nun nicht mehr auf gemeinsamen Traditionsbindungen basiert, sondern auf dem persönlichen Streben nach religiöser Selbstverwirklichung, insbesondere durch spirituelle Erfahrungen, müssen (bzw. können!) die Megakirchen nun eigene Instrumente entwickeln, die potenzielle Mitglieder zur Teilnahme motivieren. Um das subjektive Wohlbefinden der Besucher zu steigern, setzen sie deshalb auf populäre Musik, unterhaltsame und alltagsrelevante Predigten und Kindergottesdienste. Die Gemeinde definiert sich dabei selbst als "training place", der das individuelle spirituelle Wachstum im Sinne einer subjektiven Aneignung des Glaubens fördert. (3) Die Grenzen zur Umwelt werden neu definiert und die Zugangsbarrieren für neue Mitglieder stark reduziert. Als wesentliche Konsequenz bildet sich um die Gemeinde herum eine Zone der "schwachen" religiösen Populärkultur: Das Gemeindepersonal folgt dabei kaum noch etwa dem strengen sonntäglichen "Dresscode" evangelikaler Kirchen in den USA und kleidet sich betont locker. Es wird christlich-populäre Musik gespielt. Die Predigten haben einen hohen Unterhaltungswert. Hinzu kommt, dass die Megakirchen ihre Inhalte oft digitalisieren und über die relevanten Social-Media-Kanäle verbreiten. Die Zugangsbarrieren für neue Besucher werden so stark reduziert. Die Megakirche vereint verschiedene Grade der religiösen Qualifikation unter einem Dach. Durch kontinuierliches spirituelles Wachstum können die Gläubigen in die Zone der starken Kultur "aufsteigen". (4) Auf dieser Basis rückt die relativ autonome Definition eigener Organisationsziele ins Zentrum. Während die traditionelle Gemeinde ihre Funktionen (Gottesdienst, Missionsarbeit, Diakonie, christliche Erziehung, Musik) eher breit definiert und als größtenteils vorgegeben betrachtet, verfolgt die Megakirche systematisch das spezifische Ziel des Gemeindewachstums. Allgemeine Zielvorgaben durch die Denominationen rücken zugleich in den Hintergrund. Organisationssoziologisch lässt sich hier von einer Umstellung von Konditional- auf Zweckprogramme sprechen.

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