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Thomas Reids Geometry of Visibles als Grundlage einer Theorie des perspektivischen Charakters visueller Wahrnehmung

Fachliche Zuordnung Theoretische Philosophie
Geschichte der Philosophie
Förderung Förderung von 2015 bis 2022
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 275664513
 
Erstellungsjahr 2023

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Meine These lautet, dass Thomas Reids Geometry of Visibles sich auf besondere Weise dazu anbietet, den perspektivischen Charakter der Wahrnehmung (insbesondere des Sehens) theoretisch zu fassen. Reid zufolge müssen wir zwischen den mittelbaren Gegenständen des Sehsinns (den gewöhnlichen Gegenständen) und den unmittelbaren Gegenständen des Sehsinns, den Visible Figures, unterscheiden. Letztere entsprechen in etwa den Erscheinungen, auf die Zeichnende ihre Aufmerksamkeit richten: eine liegende Münze erscheint als Ellipse, eine weiter entfernte Figur kleiner als eine in der Nähe, und so weiter. Die Visible Figure entspricht mithin dem von einem Objekt eingenommenen Teil des Gesichtsfeldes, oder auch seinem Umriss. Reids Geometry of Visibles (1764) beschreibt ihre geometrischen Eigenschaften als identisch mit den geometrischen Eigenschaften der Projektion des entsprechenden Umrisses auf die Innenseite einer Kugel mit dem Beobachter (und Projektionsursprung) im Zentrum. Dies impliziert, dass es sich tatsächlich um nichteuklidische Figuren handelt. Das Sehen verfügt aber nicht nur über den angesprochenen perspektivischen, sondern auch über einen nicht-perspektivischen Charakter: Die Münze, die elliptisch erscheint, erscheint natürlich gleichzeitig weiterhin auch als rund. Das Rätselhafte dieses "Perspektivenproblems" ergibt sich insbesondere dadurch, dass es sich bei Elliptizität und Rundheit um zwei Derminaten der Determinable Form handelt. Wie kann etwas zugleich als rund und elliptisch geformt erscheinen? Eine reideanische Theorie des Verhältnisses der beiden Aspekte von Wahrnehmung (intrinsisch und perspektivisch), ist besser als andere zeitgenössische Ansätze in der Lage, das Perspektivenproblem zu lösen. Hierfür sind insbesondere die 1. metaphysischen, 2. epistemischen und 3. phänomenologischen Eigenschaften reidscher visible figures relevant: 1. Während die Gestalt eines Gegenstandes eine intrinsische Eigenschaft ist, handelt es sich bei seiner Visible Figure um eine relationale Eigenschaft. Zwar kommt sie dem Körper wirklich zu - sie ist keine psychische oder physiologisch erklärbare Eigenschaft - jedoch nur relativ zu einem Punkt im Raum, dem Gesichtspunkt. Wenn es sich bei Rundheit und Ellptizität um Eigenschaften ganz unterschiedlicher Art handelt, ist es nicht mehr problematisch, wenn beide der Münze zukommen. 2. Des Weiteren konstatiert Reid, dass zwischen Visible Figure und intrinsischer Gestalt eine epistemische Asymmetrie besteht: erstere bilden die Zeichen, vermittels derer wir letztere wahrnehmen. Wie in anderen semiotischen Kontexten auch, gilt unsere Aufmerksamkeit meist dem Bezeichneten, nicht dem Zeichen. Dieses können wir zwar zum Gegenstand der Aufmerksamkeit machen, tun es aber nur in besonderen Situationen. Hiermit wird erklärt, wieso beide Aspekte in unserer Wahrnehmung der Münze relevant sind, aber auch, dass sie ganz unterschiedliche Funktionen haben und ihr Auftauchen keinesfalls rätselhaft ist. 3. Zuletzt macht Reid eine phänomenologische Beobachtung, die ein Korrelat der These der epistemischen Asymmetrie darstellt: Da wir normalerweise intrinsischen Eigenschaften zugewandt sind und die perspektivischen nur gelegentlich und unter Anstrengung zum Gegenstand der Betrachtung machen, kommen die beiden sich nicht in die Quere; obwohl es korrekt ist, zu sagen, dass die Münze sowohl elliptisch als auch rund erscheint, so nehmen wir doch nie beide Aspekte im selben Moment wahr, und der Widerspruch wir dadurch weiter entschärft.

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