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Unfruchtbarkeit und In-Vitro-Fertilisation in Bamako (Mali): Alltagserfahrung, soziale Handhabung, Transformation

Applicant Dr. Viola Hörbst
Subject Area Social and Cultural Anthropology and Ethnology
Term from 2006 to 2009
Project identifier Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Project number 28545292
 
Final Report Year 2009

Final Report Abstract

Das abgeschlossene Forschungsprojekt konzentrierte sich im Sinne einer Pionierarbeit auf das wenig beachtete, aber weit verbreitete Problem der Unfruchtbarkeit und dessen bislang vollkommen unerforschte Behandlung mit assistierten Reproduktionstechnologien (ART) in afrikanischen Ländern am Beispiel Malis. Dort bildet das Kinderbekommen einen selbstverständlichen Teil der Biografie und stellt sich nicht als Frage einer Entscheidung. Lebensentwürfe ohne Kinder sind für beide Geschlechter weder denkbar noch erstrebenswert. Die Notwendigkeit, Kinder zu bekommen geht nicht nur vom Ehepaar aus, sondern auch von der erweiterten Familie, und stellt für viele Frauen die Erfüllung einer sozialen Pflicht dar. Bleiben Kinder aus, werden vor allem die Frauen dafür verantwortlich gemacht und mit Anspielungen bis hin zu offenen Beleidigungen stigmatisiert. Männliche Ursachen für Kinderlosigkeit gelten in der malischen Gesellschaft als Quelle größtmöglicher Erniedrigung für den Mann und werden vielfach verheimlicht. So sehen sich in erster Linie die Frauen einem hohen persönlichen, familiären und gesellschaftlichem Druck ausgesetzt, eine Lösung zu finden. Die Geburt eines gemeinsamen, von beiden Ehepartnerinnen biologisch-genetisch abstammenden Kindes ist das angestrebte Ideal. Daran knüpfen sich für die beteiligten Frauen und Männer die Ziele, den sozialen Status einer Mutter bzw. eines Vaters und damit einer vollständigen „sozialen Person" zu erlangen. Für eine Frau gilt das als erreicht, wenn sie schwanger war und ein Kind geboren hat; für einen Mann, wenn er als der leibliche Vater des Kindes gelten kann. Gleichzeitig aber soll das Kinderkriegen das Fortbestehen der Patrilinie gewährleisten. Da Letzteres die Weitergabe der männlichen Substanzen an die Kinder erfordert, ist von zentraler Bedeutung, auf wessen Seite die Ursachen der Kinderlosigkeit festgestellt werden. Werden sie bei der Frau diagnostiziert, sind vor allem traditionell medizinische (Phytotherapeutika, religiöse Waschungen etc.) und biomedizinische Verfahren zur Behebung der körperlichen Ursachen (etwa Hormonbehandlungen, Öffnung blockierter Eileiter etc.) naheliegend. Seit 2003 werden von einer Privatklinik in Bamako auch Inseminationen (IUI) und In Vitro Fertilisationen (IVF) angeboten, letztere jedoch bislang ohne die erfolgreiche Geburt eines Kindes. Da noch keine gesetzliche Regelung für die Anwendungen von ART besteht, werden auch IVF mit Eizellenspenden angeboten. Die praktische Verfügbarkeit wird neben technischen Einschränkungen vor allem durch ihre Kosten (500 bis 2.500 Euro je Versuch) beschränkt. Da ein flächendeckendes Krankenversicherungssystem fehlt, können nur relativ wohlhabende Personen ART-Anwendungen in Anspruch nehmen. Doch auch für sie stellen die Kosten eine finanzielle Belastung dar. Folglich wägen sie nicht nur die verschiedenen ART-Anwendungen gegeneinander ab, sondern vergleichen diese auch mit den kostengünstigeren, jeweils verfügbaren sozialen Lösungswegen. Hier konkurriert im Falle weiblicher Infertilität die teure IVF vor allem mit der Heirat einer Zweitfrau. Insgesamt gesehen werden homologe IVF und IVF mit Eizellenspende (einer Schwester oder Cousine) relativ selten durchgeführt. Liegen die Infertilitätsgründe aufseiten des Mannes, fehlen soziale Lösungsformen, welche seinen Reproduktionszielen entsprechen. Hier kommen bevorzugt biomedizinische Interventionen zur Behebung der männlichen körperlichen Ursachen (Hormonkuren zur Verbesserung der Samenqualität) mit einer anschließenden Insemination zum Einsatz. IVF mit Spendersamen werden nicht angeboten, da hier die Fortsetzung der Patrilinie nicht gewährleistet wird. Behandlungen von ART sind also in Relation mit anderen Bewältigungsformen als eine Möglichkeit der Handhabung ungewollter Kinderlosigkeit zu verstehen, welche in Verbindung mit den spezifischen lokalen Problemlagen und Reproduktionszielen in Mali adaptiert werden

Publications

  • Ungewollte Kinderlosigkeit - Ein Problem in Mali?
    Viola Hörbst
  • 2008. Focusing Male infertility in Mali: Kinship and Impacts on Biomedical Practice in Bamako. In: Brockopp, Jonathan and Thomas Eich (eds.): Muslim Medical Ethics: Theory and Practice. South Carolina, South Carolina University Press, 118-137
    Viola Hörbst
  • 2009. In the Making: Assisted Reproductive Tecimologies in Mali, West Africa. Anthropology News 50 (2): 4
    Viola Hörbst
  • 2009. Islamische Grundsätze und die Handhabung assistierter Reproduktionstechnologien in Bamako, Mali. In: Eich, Thomas (ed.): Reproduktionsmedizin bei Muslimen; säkulare und religiöse Ethiken im Widerstreit? 48-64
    Viola Hörbst
  • 2009. Problemlagen, Anwendungskontexte, Nutzungspraktiken: Assistierte Reproduktionstechnologien in Mali und Österreich. In: Dilger, Hansjörg und Bemhard Hadolt (eds). Medizin im Kontext: Krankheit und Gesundheit in einer vernetzterr Welt. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag
    Viola Hörbst, Bernhard Hadolt
 
 

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