Choreopower. Choreography and the politics of movement
Final Report Abstract
Im Rahmen der zweiten Förderphase des Projekts „Choreopower. Untersuchungen zur Macht der Bewegung“ wurde das Verhältnis von Neurodiversität und Bewegung erforscht. Dabei wurden sowohl aktuelle choreographische Arbeiten mit neurodiversen Tänzer*innen analysiert als auch historische Entwicklungen einer Psychologie der Bewegung untersucht. In Bezug zu aktuellen künstlerischen Produktionen stand vor allem der Produktionsprozess im Zentrum des Forschungsinteresses: Erforscht wurde, wie mentale Bilder, Vorstellungen und Imaginationen neben den körperlichen Handlungen Teil der Produktion von Bewegungen sind. Gerade die künstlerische Arbeit an der Bewegung hat dabei umfangreiche Einblicke geboten. Dort, wo Bewegungen nicht auf habitualisierte Weise ausgeführt werden, sondern neue Weisen auf experimentelle Art erkundet und erlernt werden, treten die mentalen Vorstellungen von Bewegung in den Vordergrund. Ihre verbale oder bildliche Vermittlung bildet ein Repertoire des choreographischen Wissens. Die diversen Formen der Artikulation von Bewegungsvorstellungen haben dabei sowohl für die tanzwissenschaftliche Analyse als auch für eine weitergefasste Bewegungsanalyse jenseits von Tanzproduktionen eine wesentliche Grundlage geschaffen. So wurde das Konzept einer Bewegungsanalyse erarbeitet, dass die in Rahmen der Aufführung sichtbaren körperlichen Ausführungen von Bewegung um die Dimension mentaler Bilder, Vorstellungen und Imaginationen erweitert. Gegenwärtige Auseinandersetzungen mit dem Verhältnis von Neurodiversität und Bewegungen sind dabei nicht unabhängig von historischen Entwicklungen zu betrachten. Dabei haben vor allem zwei Paradigmen die Psychologie der Bewegung geprägt: Zum einen wurde Bewegung – insbesondere in ihrer ‚unkontrollierten‘ Form – als Ausdruck einer ‚normalen‘ oder ‚anormalen‘ Psyche angesehen, zum anderen wurde Bewegung auch eine heilende und therapeutische Funktion zugesprochen. Beide Paradigmen haben dabei wiederholt die Arbeit von Choreograph*innen bestimmt, sei es als Form des Ausdrucks innerer Zustände oder durch ihre Arbeit mit der heilungsfördernden Dimension von Bewegung. Gegenwärtige Arbeiten setzen sich kritisch mit diesen Paradigmen auseinander, um mit der diesen Konzepten impliziten Hierarchisierung von Körper und Geist zu brechen. Durch die Verbindung beider Untersuchungsfelder wurde die Erforschung einer Politik der Bewegung um die Dimension der Neurodiversität erweitert. Dabei wurden gezeigt, wie choreographische Praktiken sowohl eine diversifizierende als auch normierende Funktion einnehmen können und wie diese im Tanz und in der Gesellschaft wirken. Dafür wurde ein methodisches Vorgehen der Bewegungsanalyse entwickelt, dass mentalen Bilder und Vorstellungen sowie ihre soziale Verfasstheit und Regulation einbezieht.
Publications
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„Soft Architecture. Juli Reinartz‘ YES CONTURE TIME DISORIENTATION XT“, in Probehandeln
Gerko Egert
