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About "dying well". Actor constellations, normative patterns, perspective differences

Subject Area Empirical Social Research
Roman Catholic Theology
Term from 2017 to 2022
Project identifier Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Project number 343373350
 
Final Report Year 2023

Final Report Abstract

Mit der Institutionalisierung des hospizlichen Gedankens in stationären Hospizen, auf Palliativstationen und in der ambulanten Hospiz- und Palliativversorgung hat sich ein normatives Ideal des ‚guten Sterbens‘ etabliert, das eine multiperspektivische, d.h. medizinische, psychische, soziale und spirituelle Versorgung des Sterbenden anstrebt. Dieses starke Ideal des ‚guten Sterbens‘ bricht sich freilich an der Differenz ärztlicher, pflegerischer, therapeutischer und seelsorgerlicher Sichtweisen ebenso wie an der von Ehrenamtlichen, Angehörigen und Sterbenden selbst. Dabei entstehen vielfältige Akteurskonstellationen und entsprechende Perspektivendifferenzen. Das Ziel des Forschungsprojekts war es, 1. mittels qualitativer Forschung in stationären Hospizen und auf Palliativstationen die verschiedenen Perspektiven und Akteurskonstellationen von Sterbenden, Berufsgruppen und Angehörigen zur Sterbebegleitung zu erfassen, 2. die jeweiligen Perspektiven auf inhärente normative Konzepte zu überprüfen und 3. auf dieser Grundlage zu fragen, wie über diese differenten Perspektiven das Sterben als ein Problem sichtbar wird, das mit organisationseigenen Mitteln gelöst werden kann. Aus einer ethisch-theologischen Perspektive verweisen die Ergebnisse der Studie auf ein Bild des Sterbens, bei dem die Bedürfnisse und Wünsche vieler Menschen eine Rolle spielen, Bedürfnisse und Wünsche, die nicht einfach abgewiesen werden können und die, im Gegenteil, dann in Erscheinung treten, wenn sie nicht auf „einen Nenner“ zu bringen sind. Dabei ergibt sich der Befund, dass situative Forderungen typischerweise auf zweierlei Art in Konflikt miteinander geraten. Erstens können unterschiedliche situative Forderungen miteinander in Konflikt geraten, sie können aber auch mit einem ethischen Prinzip in Konflikt geraten. Hieraus resultiert die Empfehlung, dass sich situationsspezifische Entscheidungen am Gespür der Beteiligten für das Angemessene und Richtige orientieren sollten. Anders als bei der Konkurrenz oder beim Konflikt von situativen Forderungen zeigt sich in bezug auf unterschiedliche Deutungen des ‚guten Sterbens‘ die Standpunktabhängigkeit eines Urteils. Ethisch gesehen ist in diesem Fall das Prinzip der Autonomie ausschlaggebend, das die Deutungshoheit so weit und so lange als möglich dem Patienten zugesteht. Aus einer soziologischen Perspektive wird eine perspektivische Akzentuierung des Problems der Interaktion mit Sterbenden sichtbar, die auf den Charakter einer funktional differenzierten Gesellschaft reagiert. Es sind stets unterschiedliche Erwartungen, Kontexte und perspektivische Problemlösungshorizonte, die eine konkrete Situation bestimmen. Daraus lässt sich lernen, dass das Problem der offenen Kommunikation mit Sterbenden kontextspezifisch jeweils anders gelöst wird und dass die Organisation dadurch Entlastungseffekte in der Kommunikation mit Sterbenden erzielt. Die besondere Leistungsfähigkeit von Hospizen und Palliativstationen im Umgang mit dem Sterben sehen wir im Umgang mit Latenz. Ein Sterben, das von allen Organisationsmitgliedern als ‚gutes Sterben‘ gestaltet werden soll, das jedoch von den Sterbenden nicht immer bereitwillig im Sinne einer Sterberolle angenommen wird, ist exakt eines der Probleme, die eine moderne Gesellschaft nicht ‚lösen‘ kann, aber doch lösen muss. Die professionellen Mitarbeiter bearbeiten dieses Problem, indem sie ‚Fiktionen des gemeinsamen Erlebens‘ des Sterbens erzeugen. Empirische Studien zu Hospizen und Palliativstationen sollten in methodischer Hinsicht mit starken Formen der Deutungsarbeit rechnen.

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