Detailseite
Projekt Druckansicht

Studium Generale in der BRD nach 1945

Fachliche Zuordnung Allgemeine und Historische Erziehungswissenschaft
Erziehungswissenschaftliche Sozialisations- und Professionalitätsforschung
Förderung Förderung von 2017 bis 2021
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 351258276
 
Erstellungsjahr 2022

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Untersuchungsgegenstand des Forschungsprojekts ist die Bedeutung und die Form des Studium Generale (SG) in Zusammenhang mit der sich transformierenden Idee und gesellschaftlichen Funktion von Universität nach 1945 in der BRD. Das Hauptmaterial bilden drei einschlägige wissenschaftliche Organe (Studium Generale. Zeitschrift für die Einheit der Wissenschaften im Zusammenhang ihrer Begriffsbildungen und Forschungsmethoden, 1947-1971; Forschung & Lehre. Alles was die Wissenschaft bewegt, 1994-2015; Jahrbuch für Universitätsgeschichte, 1998-2017) sowie Gutachten und Empfehlungen zur Hochschulreform und schließlich Programmankündigungen von jeweils drei Traditionsuniversitäten in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen (Heidelberg, Freiburg Tübingen; Bonn, Köln, Münster). Die Projektarchitektur der Untersuchung verfolgt in methodologischer Hinsicht eine doppelte Strategie. Zum einen wurde ein Verfahren entwickelt, das eine der jeweiligen Textgattung entsprechende, differenzierte Texterschließung ermöglicht hat. Zum anderen wurde die Vergleichbarkeit der Ergebnisse angestrebt, d.h. eine Analyse der Zirkulation von Begriffen (Begründungen) zu Legitimationen (Argumentationsfiguren), von Topoi zu Programmen, von einer Textgattung zu der anderen, von einem Register zum nächsten. Das SG – als pars pro toto für die Idee der Universität – ist als Grundbegriff im Sinne R. Kosellecks betrachtet und im Kontext unterschiedlicher theoretischer und gesellschaftlicher Konstellationen zur Idee und Funktion der Universität erkundet worden. Zur klassischen, d. h. neuhumanistischen Konstellation der Idee und Funktion der Universität gehören: die Einheit der Wissenschaft, die Einheit der Universität, die Einheit von Forschung und Lehre sowie die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden. Im Zusammenhang mit der Humboldt'schen Idee der Universität wird die Einheit der Wissenschaft ausgehend vom Verhältnis von Universität und Welt gedacht. Im untersuchten Quellenkorpus konnte festgestellt werden, dass „Welt“ mit unterschiedlichen Akzenten oft mit „Gesellschaft“ ersetzt wird. Daraus resultieren Verschiebungen innerhalb der oben genannten klassischen Konstellation, die sowohl das Universitäts- als auch das Wissenschaftsverständnis betreffen. Als eine weitere markante Differenz zur klassischen Universitätskonzeption hat sich die Auffassung der Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden erwiesen, die nicht mehr als vorausgesetzt angesehen wird. Stattdessen wird der Akzent auf das Verhältnis von Erziehung und Bildung bzw. von Studium und/oder Weiterbildung gesetzt. Bezüglich der im Projekt vertretenen und überprüften pars pro toto These (SG als Simulacrum für die Universität) und Zirkulationsthese (Verhältnis von wissenschaftlicher Begründung, politischer Legitimierung sowie institutioneller Übersetzung, d.h curricularer Implementierung) können folgende Ergebnisse festgehalten werden: 1. Sowohl auf der Begründungebene als auch auf der politischen und institutionellen Ebene dient fast in der gesamten 1. Phase (1945-1964) der Untersuchung das SG als Heilung, als Antidot, als Kontrapunkt zur Spezialisierung (Forschung) einerseits und als Erziehung zur verloren gegangenen akademischen Gemeinschaft andererseits. 2. Schon am Anfang der 1960er Jahre und dezidiert ab1966, d.h. in der 2. Phase der Untersuchung (1964-1977), verwandeln sich Idee und Format des SG zu einem Residuum aus der klassischen Universität. Erkenntnistheoretisch verlagert sich sein Horizont: von der Philosophie zunächst zur Geschichte und später zur Soziologie. Dies führt zu jener Interdisziplinarität, die sich im Laufe der 1970er Jahre von den Voraussetzungen des idealistischen Streits der Fakultäten definitiv verabschieden wird. 3. In der 3. Phase (1977 bis 1993) wird das SG in den untersuchten Traditionsuniversitäten als Format weiter angeboten. Vor allem ab dieser Phase wird die im Projekt überprüfte Polyvalenz-These relevant. Schon in den ersten Phasen sind unterschiedliche Formate des SG als universitäre Angebote zu finden, die aber trotz ihrer Unterschiede alle ein allgemeinbildendes Profil ausweisen. In dieser Phase erst nehmen die musischen und die hochschuldidaktischen Angebote zu. Die wachsende Polyvalenz steht einerseits für die institutionelle Konservierung eines Programms, anderseits für die politische Be- und Verdrängung des SG als Simulakrum der Humboldtschen Universität. Im Unterschied zur universitären Praxis wird 1983 regulatorisch eine klare Trennung von Studium Generale und Weiterbildung durchgesetzt. 4. In der letzten Phase der Untersuchung (1993 bis 2015) lässt sich – auch als kritische Reaktion auf die Bologna-Reform – eine Art Rückzugsbewegung feststellen, die sich als Latenz, als Appell und neue Einführung eines allgemeinbildenden SG äußert, dessen Idee und Format allerdings nur noch implizit bleiben.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

Zusatzinformationen

Textvergrößerung und Kontrastanpassung