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Stress und die Balance zwischen Annäherungs- und Vermeidungsverhalten: Die Rolle von Noradrenalin und Cortisol

Antragstellerin Dr. Susanne Vogel
Fachliche Zuordnung Allgemeine, Kognitive und Mathematische Psychologie
Förderung Förderung von 2017 bis 2022
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 362215228
 
Erstellungsjahr 2023

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Menschen haben die natürliche Tendenz, positive Reize aufzusuchen und negative Reize zu vermeiden. Situationen enthalten allerdings oft positive und negative Aspekte, sodass Konflikte zwischen Annäherung und Vermeidung entstehen, die unterschiedlich gelöst werden können. Die Balance zwischen Annäherung und Vermeidung ist bei vielen psychischen Störungen auffallend beeinträchtigt und trägt vermutlich zur Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Störungen bei (z.B. exzessive Vermeidung eigentlich ungefährlicher Reize bei Angststörungen und übermäßige Annäherung an schädigende Reize bei Substanzkonsumstörungen). Trotz der außerordentlich hohen grundlagenwissenschaftlichen und klinischen Relevanz sind die Einflussfaktoren, welche Annäherungs- und Vermeidungsverhalten (AVV) bei gesunden Personen verändern, bislang wenig verstanden. In diesem Projekt untersuchten wir zunächst, ob Cortisol und Noradrenalin (Botenstoffe, die in akuten Stresssituationen ausgeschüttet werden), die Balance zwischen AVV beeinflussen. Stress ist ein wichtiger Faktor in der Entstehung der genannten psychischen Störungen und erste Studien zeigten verändertes AVV unter Stress. Für verschiedene andere kognitive Bereiche (z.B. Gedächtnisfunktionen) konnte gezeigt werden, dass die Interaktion von Cortisol und Noradrenalin den Effekt von Stress vermitteln. Für den Effekt auf AVV ist die spezifische Wirkweise von Stress hingegen unklar. Hier sollte also untersucht werden, ob die Interaktion von Cortisol und Noradrenalin den zugrundeliegenden Mechanismus darstellen könnte, wie Stress AVV verändert. In der ersten Studie wurde 96 gesunden Proband:Innen doppelblind Medikamente verabreicht, die entweder Cortisol enthielten (Gruppe 1), das noradrenerge System stimulierten, beides oder ein Placebo waren (d.h. keinen aktiven Wirkstoff enthielten). Danach bearbeiteten sie eine Aufgabe zur Messung des Verhaltens in Annäherungs-Vermeidungs-Konflikten. Obwohl die Medikamente die erwarteten physiologischen Effekte zeigten (Anstieg in Cortisolkonzentration und α-Amylase-Aktivität), wurde das Verhalten nicht wie erwartet durch die Medikation beeinflusst. Im Gegensatz dazu fanden wir in fast allen Verhaltensparametern dieser Aufgabe geschlechtsspezifische Unterschiede. Zusammengefasst sind die untersuchten Hauptstressmediatoren Cortisol und Noradrenalin nicht hinreichend, um die zuvor gezeigten Stresseffekte auf das AVV erklären, aber scheinen Männer eine optimalere Balance zwischen Annäherung und Vermeidung in dieser Aufgabe zu zeigen. In einem weiteren Teilprojekt integrierten wir die bisherige Literatur zu Einflussfaktoren auf experimentell gemessenes AVV mit Hilfe eines systematischen Reviews. Dafür suchten wir Originalstudien, die experimentell gemessenes AVV mit individuellen Unterschieden oder situativen Einflüssen (z.B. Trauma) in Beziehung setzten und fanden 209 entsprechende Studien. Jedoch zeigten sich (mit Ausnahme von verstärktem Vermeidungsverhalten bei Personen mit Angst vor Spinnen) wenig konsistente Zusammenhänge. Dies galt selbst für interindividuelle Unterschiede oder Symptomgruppen, bei denen ein Zusammenhang häufig implizit angenommen wird (z.B. bezüglich Angststörungen und Substanzkonsumstörungen), sodass diese Experimentalaufgaben sogar dazu eingesetzt wurden, die Balance zwischen Annäherung und Vermeidung zu modifizieren - in der Hoffnung, damit Symptome zu lindern. In dem Review integrierten wir die komplexe Befundlage, diskutierten mögliche Gründe für die heterogenen Ergebnisse, sowie Implikationen für die zukünftige Forschung und potentielle klinische Interventionen. Schließlich untersuchten wir in einer weiteren Studie empirisch verschiedene Operationalisierungen von AVV in Experimentalaufgaben, ihre Zuverlässigkeit (Reliabilität) und wie gut sie individuelle Unterschiede in Persönlichkeitsmaßen mit Bezug zu Annäherung und Vermeidung (z.B. Trait-Verhaltenshemmung, Trait-Ängstlichkeit, Trait-Aggression) vorhersagen können. Wir verglichen dazu zwei klassische und eine neuere Experimentaufgabe, welche von Tierstudien inspiriert wurde und durch pharmakologische Studien validiert wurde. Außerdem interessierten wir uns für den Effekt chronischer Stressoren auf AVV. Unsere Ergebnisse zeigten, dass AVV-Maße der klassisch verwendeten Aufgaben nicht signifikant miteinander korrelierten, was suggeriert, dass sie nicht dasselbe Konstrukt operationalisieren. Zudem war die Reliabilität beider klassischer Aufgaben im suboptimalen Bereich, was das Finden von Zusammenhängen mit Außenkriterien (wie Persönlichkeitsmaßen oder Symptomen) erschwert. Entsprechend zeigten sich für eine Aufgabe keine Zusammenhänge, wobei die andere schwache bis mittlere Korrelationen mit Ängstlichkeit und Aggression aufwies. Die neuere Aufgabe hingegen zeigte überwiegend zufriedenstellende Reliabilität und (für Aggression und Verhaltenshemmung) auch erwartungskonforme Korrelationen mit Persönlichkeitsdimensionen auf. Selbstberichteter chronischer Stress zeigte hingegen nur marginale Effekte auf experimentell gemessenes AVV. Insgesamt unterstreicht auch dieses Teilprojekt weiteren Forschungsbedarf für die optimale Operationalisierung von AVV für experimentelle und korrelative Forschung und hinsichtlich der Untersuchung von Einflussfaktoren auf diesen grundlegenden Aspekt menschlichen Verhaltens, der Annäherung an positive und der Vermeidung negativer Reize.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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