Durch die rosarote Brille gesehen - Variationen in Affektivität und Sprachkompetenz: Einflüsse auf die Verarbeitung und Versprachlichung von figurativen und nicht-figurativen Ausdrücken für innere Zustände
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Beim verbalen Ausdruck von inneren Zuständen spielen figurative (d.h. bildliche) sprachliche Mittel wie Metaphern eine wichtige Rolle. Sie dienen dazu, schwer fassbare, komplexe Zustände zu konkretisieren und die Gefühlswelt greifbarer zu machen. Beispielsweise verbindet der metaphorische Ausdruck „er lässt Dampf ab“ ein abstraktes emotionales Konzept (die Zieldomäne, hier Wut oder Frustration) mit einer körperbezogenen Erfahrung (die Quelldomäne, hier Druck). Darüber hinaus steigern figurative Sprachmittel die emotionale Involviertheit der an der Kommunikation Beteiligten. Angesichts dieser engen Verbindung zwischen emotionalen und sprachlichen Vorgängen liegt die Frage nahe, ob Menschen, deren emotionales Erleben aufgrund von psychischen Störungsbildern verändert ist, ihre Emotionen anders ausdrücken und/oder anders mit figurativer Sprache umgehen. Die Forschungslage dazu ist heterogen. Übergreifendes Ziel des Projekts war es daher, die Verarbeitung und Versprachlichung innerer Zustände mit figurativen Mitteln in unterschiedlichen Personengruppen und mit unterschiedlichen methodischen Zugängen zu untersuchen. Detaillierte Analysen der Sprachproduktion in Bezug auf die Art und Häufigkeit verwendeter figurativer Ausdrücke zeigten, dass Patient:innen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern (Depression, Schizophrenie, bipolare Störung) sich nicht wesentlich von gesunden Personen unterscheiden, wenn sie innere Zustände in Worte fassen. In der produktiven Modalität ließ sich der in der Literatur oft postulierte „Konkretismus“ somit nicht bestätigen. Denkbar wären aber Besonderheiten in der neuronalen Verarbeitung figurativer Sprache. Dazu wurden zwei Experimente mit kontrollierten Stimuli entwickelt, in denen figurative versus wörtliche Ausdrücke in Sätzen bzw. im Kontext von Geschichten verarbeitet werden müssen. Im Zuge der aufwändigen Stimuluserstellung, bei der zahlreiche Parameter zu erfassen und zu kontrollieren waren, entstand die Metapherndatenbank MIST (Metaphors for Internal State Terms), die über die Webseiten der Universität Marburg öffentlich zugänglich gemacht wurde und nun für weitere Forschung zur Verfügung steht. Da die überwiegende Laufzeit des Projekts in die coronabedingten Schließungen fiel, konnten die geplanten MRT-Messungen leider nicht wie vorhergesehen durchgeführt werden. Eine Fortführung der MRT-Experimente nach Ablauf der Projektförderung erbrachte aber erste Ergebnisse, die auf neuronale Abweichungen in der Verarbeitung figurativer Sprache bei Personen mit Depression verweisen. Insgesamt konnte das Projekt das Wissen darüber bereichern, wie psychische Störungen zum einen die Verbalisierung von inneren Zuständen und zum anderen die Verarbeitung figurativer Sprache im Gehirn beeinflussen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Die Versprachlichung von Emotionen im Spracherwerb und bei klinischen Populationen“ eingeladener Vortrag im Rahmen der „Brain Language Talks“ an der Freien Universität Berlin
Kauschke, C.
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Do Patients With Depression Prefer Literal or Metaphorical Expressions for Internal States? Evidence From Sentence Completion and Elicited Production. Frontiers in Psychology, 9.
Kauschke, Christina; Mueller, Nadine; Kircher, Tilo & Nagels, Arne
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Metaphoric expressions originating from Human Senses “, Vortrag auf der Konferenz “Researching Metaphor – Cognitive and Other” in Genua
Müller, N.
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The use of metaphorical expressions for internal states in patients with depression “, Vortrag auf der Konferenz “Researching Metaphor – Cognitive and Other” in Genua
Kauschke, C.
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Erstellung und Kontrolle von Audiodateien zur MIST-Datenbank
Müller, N. & Kauschke, C.
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Erstellung und Kontrolle weiterer Stimuli der MIST-Datenbank
Koller, S., Müller, N. & Kauschke, C.
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Metaphorical expressions originating from human senses: Psycholinguistic and affective norms for German metaphors for internal state terms (MIST database). Behavior Research Methods, 54(1), 365-377.
Müller, Nadine; Nagels, Arne & Kauschke, Christina
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Figurative Sprache bei psychiatrischen Störungen. Vortrag beim XXXIV. Workshop Klinische Linguistik
Müller, N., Stein, F. & Kauschke, C.
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The Elephant in the Room: A Systematic Review of Stimulus Control in Neuro-Measurement Studies on Figurative Language Processing. Frontiers in Human Neuroscience, 15.
Koller, Sina; Müller, Nadine & Kauschke, Christina
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103 Language and emotion in clinical populations. Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft / Handbooks of Linguistics and Communication Science [HSK] 46/3, 2105-2126. De Gruyter.
Kauschke, Christina
