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Intrusives Wiedererleben bei der Sozialen Angststörung: Spielt der Kontext eine Rolle?

Fachliche Zuordnung Persönlichkeitspsychologie, Klinische und Medizinische Psychologie, Methoden
Allgemeine, Kognitive und Mathematische Psychologie
Förderung Förderung von 2017 bis 2022
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 391419683
 
Erstellungsjahr 2023

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Klassische Konditionierungsprozesse im Rahmen negativer sozialer Erlebnisse (z.B. von einem Lehrer bloßgestellt zu werden) spielen bei der Entwicklung einer sozialen Angststörung (SAD) eine große Rolle. Korrigierende positive Erfahrungen scheinen allerdings auch in "sicheren" Kontexten nicht zur (langfristigen) Extinktion der Furcht zu führen. Das Wiederauftreten der Furcht könnte mit einem generellen Defizit, Kontexte voneinander zu unterscheiden, zusammenhängen. Damit einhergehend könnten neuronale Prozesse, die mit dem Abruf der Furcht- oder Extinktionsgedächtnisspur zusammenhängen, verändert sein. Manche PatientInnen mit SAD leiden darüber hinaus unter intrusivem Wiedererleben bzgl. der negativen sozialen Erfahrung z.B. in Form von verzerrten negativen Vorstellungsbildern von sich selbst, die mit diesem Erlebnis zusammenhängen. Das Auftreten dieses intrusiven Wiedererlebens in späteren „sicheren“ Situationen könnte mit Defiziten in der Extinktion konditionierter Furcht zusammenhängen. Um diese Fragestellungen zu untersuchen, wurde eine Studie mit 76 PatientInnen mit SAD und 69 gesunden KontrollprobandInnen (HC) durchgeführt. Neben klinischen Interviews zu negativen (sozialen) Erlebnissen kam als Indikator für Schwierigkeiten in der basalen Kontextdifferenzierung eine Aufgabe zur Untersuchung der behavioralen Mustertrennung zum Einsatz. Während einer funktionellen Magnetresonanztomographieuntersuchung wurde darüber hinaus ein kontextabhängiges Furchtkonditionierungsparadigma durchgeführt, um die Akquisition und insbesondere die Extinktion konditionierter Furcht und deren kontextabhängigen Abruf nach 24 h zu überprüfen (N= 54 PatientInnen mit SAD, N=54 HC). Es konnte gezeigt werden, dass PatientInnen mit SAD im Vergleich zu HC häufiger unter intrusivem Wiedererleben bzgl. negativer sozialer Erlebnisse aber auch traumatischer und allgemein aversiver Erlebnisse leiden. Defizite in der behavioralen Mustertrennungsfähigkeit konnten jedoch entgegen der Erwartungen nicht festgestellt werden. Während des kontextabhängigen Konditionierungsparadigmas zeigten PatientInnen mit SAD eine reduzierte Aktivierung der Amygdala während des Extinktionsabrufs im sicheren Kontext und während des Renewals im Akquisitionskontext, was mit einer verstärkten Aktivierung auf den Sicherheitsreiz und somit möglicherweise einem reduzierten Sicherheitslernen in der Patientengruppe zusammenzuhängen scheint. In Übereinstimmung damit gaben die PatientInnen mit SAD an, in allen drei Kontexten mehr Furcht zu empfinden als die gesunden KontrollprobandInnen. Ein wichtiges Ergebnis der vorliegenden Untersuchung ist darüber hinaus die Erkenntnis, dass intrusives Wiedererleben insbesondere für eine Subgruppe der PatientInnen mit SAD relevant zu sein scheint. So unterschieden sich PatientInnen mit klinisch relevanten Intrusionen in Reaktion auf ein negatives soziales Ereignis (INT) von PatientInnen ohne Intrusionen (NO-INT) ebenfalls bezüglich der Aktivierung der Amygdala und des vmPFC während des Extinktionstrainings (stärkere Abnahme der Aktivität in der Amygdala bei INT und stärkere Aktivierung des vmPFC bei NO-INT am Ende des Extinktionstrainings), des Extinktionsabrufs (stärkere Aktivierung des vmPFC bei NO-INT) und des Renewals in einem neuen Kontext (stärkere Aktivierung des vmPFC bei NO- INT) und dem Akquisitionskontext (stärkere Aktivierung der Amygdala bei INT). Die Hypoaktivierung des vmPFC könnte ein Hinweis auf eine dysfunktionale Inhibition bzw. Modulation von Furcht sein. Allerdings kann diese Interpretation nicht durch Ergebnisse zur elektrodermalen Aktivität oder Furchtbewertungen gestützt werden. Unterschiede in der behavioralen Mustertrennungsfähigkeit fanden sich zwischen diesen zwei Gruppen ebenfalls nicht. Intrusionen nach negativen sozialen Erlebnissen scheinen somit insbesondere mit einer veränderten kontextuellen Modulation des Extinktionsabrufs zusammenzuhängen, die allerdings nicht auf basale Unterschiede in der Mustertrennungsfähigkeit zurückzuführen ist. In weiterführenden Analysen wurde untersucht, ob klinisch relevante Intrusionssymptome in Reaktion auf irgendein autobiographisches Ereignis (nicht nur auf negative soziale Ereignisse) mit kontextuellen Verarbeitungsschwierigkeiten in Zusammenhang stehen. Tatsächlich wies diese PatientInnengruppe im Vergleich zu SAD- PatientInnen ohne Intrusionen eine geringere Mustertrennungsfähigkeit sowie veränderte kontextabhängige Extinktionsprozesse insbesondere auf neuronaler Ebene auf. Diese Ergebnisse weisen auf die transdiagnostische Relevanz kontextueller Verarbeitungsauffälligkeiten in Zusammenhang mit der stärksten intrusiven Wiedererlebenssymptomatik unabhängig von der spezifischen Situation hin. Die Ergebnisse dieser Studie können dazu beitragen, die Behandlung der sozialen Angststörung zu verbessern, indem ein Augenmerk auf die Relevanz posttraumatischer Stresssymptome für die entsprechenden PatientInnen gelegt wird und gegebenenfalls spezifische Interventionen für diese Symptome eingesetzt werden. Darüber hinaus sollten für die SAD Interventionen entwickelt und etabliert werden, welche den Extinktionsabruf in neuen, sicheren Kontexten erleichtern.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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