Zwischen Arbeitseinsatz und Rassenpolitik: Die Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen und die Praxis der Zwangsabtreibungen im Nationalsozialismus
Zusammenfassung der Projektergebnisse
In den letzten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft entstand im Deutschen Reich ein flächendeckendes Netz von Betreuungseinrichtungen für Kinder ausländischer Zwangsarbeiterinnen. Diese als "Ausländerkinder-Pflegestätten" bezeichneten Heime waren das Ergebnis einer menschenfeindlichen Politik, die auf die Ausbeutung der ausländischen Arbeiterinnen und die rassische Homogenisierung des deutschen Volkes abzielte. Aufgrund unzureichender Versorgung und Pflege verloren Zehntausende Säuglinge und Kleinkinder bis zum Kriegsende ihr Leben. Ab 1943 wurden bei Polinnen und "Ostarbeiterinnen" (Zwangs)Abtreibungen durchgeführt, um "rassisch unerwünschten Nachwuchs" zu verhindern und die Frauen schnell wieder an ihre Arbeitsplätze zu bringen. Die Genehmigung solcher Eingriffe und die "Eindeutschung" vermeintlich "gutrassiger" Kinder oblagen Himmlers Rassenexperten. Die Behandlung schwangerer ausländischer Arbeiterinnen und ihrer Kinder verweist auf die Verbindung von nationalsozialistischer Rassenideologie, die „unerwünschten Blutszuwachs“ zu verhindern suchte, und der Abhängigkeit der deutschen Kriegswirtschaft, die auf ausländische Arbeitskräfte - ein Drittel davon Frauen. Es ging folglich um das Verhältnis von Ökonomie und Rassenpolitik. Konkret zielte das Projekt darauf ab, die bislang kaum erforschte Geschichte der "Ausländerkinder-Pflegestätten" im Deutschen Reich aufzuarbeiten und eine Grundlagen-Monographie zu erarbeiten. Der Fokus lag dabei auf der normativrechtlichen Genese sowie der regionalen und lokalen Umsetzung dieser rassistischen Praxis. Untersucht wurden die Entscheidungs- und Aushandlungsprozesse zwischen ökonomischen Interessen, kriegswirtschaftlichen Sachzwängen und rassenideologischen Zielsetzungen. Die Rolle von zentralen Planungen im Vergleich zu lokalen Praktiken wurde ebenso beleuchtet wie das Verhältnis zwischen verschiedenen regionalen Akteursebenen. Darüber hinaus wurde nach den Auswirkungen der rassistischen Maßnahmen auf das Leben der betroffenen Frauen sowie nach Handlungsspielräumen und Resilienzstrategien gefragt. Fallbeispiele einzelner "Ausländerkinder-Pflegestätten" vermitteln einen plastischen Eindruck von der Einrichtung und dem Betrieb solcher Heime sowie der Rolle lokaler Akteur:innen. Das Projekt fußt auf einer breiten Quellenbasis und bündelt Ergebnisse zahlreicher Regionalstudien. Die historische Analyse liefert neue Erkenntnisse über das Verhältnis zwischen nationalsozialistischer Rassen- und Bevölkerungspolitik sowie dem kriegswirtschaftlichen Arbeitseinsatz ausländischer Zwangsarbeiterinnen. Darüber hinaus wird ein wichtiger Beitrag zur Erforschung der Kontrolle von Reproduktionsentscheidungen und zur Agency intersektional diskriminierter Frauen im Nationalsozialismus geleistet.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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The Forced Germanization of Children from Poland, the Soviet Union and Southeastern Europe During World War II. Historical Background, Practice, Consequences, in: Kreisau-Initiative e.V. (Hg.),Uprooted. (Hi)Stories of Stolen Children During World War II
Heinemann, Isabel
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Die „unerwünschten“ Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen, in: Meinrad Maria Grewenig (Hg.): Zwangsarbeit in der Völklinger Hütte – deutsche und europäische Bezüge, Völklingen, S. 35–41. (ISBN 978-3-935692-05-2)
Brüntrup, Marcel
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“Keimzelle des Rassenstaates” oder „privater Rückzugsort“? Die Bedeutung der Familie in der nationalsozialistischen Germanisierungs- und Vernichtungspolitik, in Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 34: Geschlechterbeziehungen und Volksgemeinschaft, Hrsg. v. Klaus Latzel, Elissa Mailänder, Franka Maubach, Göttingen, S. 133-153.
Heinemann, Isabel
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Der Lebensborn e.V. und die Zwangsverschleppung „wiedereindeutschungsfähiger Kinder“, in: Bundeszentrale für politische Bildung, Kurzdossiers Zuwanderung, Flucht und Asyl, 30.1.2019
Heinemann, Isabel
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Rassische Bestandsaufnahme, Umsiedlung, Eindeutschung“. Grundlinien der NS-Germanisierungspolitik für Südosteuropa, in: Beer, Mathias (Hg.): Krieg und Zwangsmigrationen in Südosteuropa, 1940-1950, Stuttgart, S. 21-37.
Heinemann, Isabel
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Abtreibungen an Zwangsarbeiterinnen im Nationalsozialismus, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
Brüntrup, Marcel
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Rühen Baby Case. Der Prozess um das „Ausländerkinderpflegeheim“ des Volkswagenwerks, in: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hg.): Alliierte Prozesse und NS- Verbrechen, Bremen, S. 131–141. (ISBN 978-3-8378-4059-9)
Brüntrup, Marcel
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Vorwort zur deutschen Ausgabe, in: Ewelina Karpińska-Morek et al. (Hg.): Als wäre ich allein auf der Welt. Der nationalsozialistische Kinderraub im Polen, Freiburg i. Br., S. 9-23.
Heinemann, Isabel
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Germanizacja, przesiedlenia, ludobójstwo: koncepcje ethnicznej przebudowy Europy Środkowo Wschodniej podczas II wojny światowej, in: Madajczyk, Piotr (Hg.): Pomorze pod Okupacia Nimiecka. Jesień 1939, Warzawa, S. 71-84.
Heinemann, Isabel
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Fundament der Volksgemeinschaft? Familientrennungen und -gründungen in der nationalsozialistischen In- und Exklusionspolitik. Familientrennungen im nationalsozialistischen Krieg, 57-80. Wallstein Verlag.
Heinemann, Isabel
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Osteuropäische Zwangsarbeiterinnen und ihre Kinder zwischen Zwangstrennung und Familienzusammenführung, 1940 –1945. Familientrennungen im nationalsozialistischen Krieg, 257-279. Wallstein Verlag.
Brüntrup, Marcel
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Zwischen Arbeitseinsatz und Rassenpolitik: Die Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen und die Praxis der Zwangsabtreibungen im Nationalsozialismus, Dissertation Universität Münster, Göttingen.
Brüntrup, Marcel
