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Vom ‚gesellschaftlichen Blick‘ zu bürokratischen Standards: Die Artikulation von Rasse in brasilianischen Affirmative-Action-Maßnahmen

Fachliche Zuordnung Ethnologie und Europäische Ethnologie
Förderung Förderung von 2018 bis 2025
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 399049116
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Dieses Projekt analysierte rassifizierende Klassifikationen im Kontext brasilianischer Affirmative-Action-Maßnahmen. Anhand von Bewertungsverfahren im öffentlichen Dienst – sog. Hetero-Identifikationskommissionen – fragten wir, wie im Rahmen von bürokratischem und administrativem Handeln Rassifizierung als Differenzkategorie etabliert und relevant gemacht wird. Dazu untersuchten wir die Artikulation von Rassifizierung in drei Settings: a) in Kommissionen, in denen die Selbstklassifikation von Bewerber:innen auf Quotenplätze als negro/a (Schwarz) ‚verifiziert‘ wurde; b) in Regierungsinstitutionen, die für die Etablierung der entsprechenden Standards zuständig waren; c) in juristischen Fällen, in denen Quotenbewerber:innen Einspruch gegen die Ablehnung ihrer Selbstklassifikation als negro/a einlegten. Es ging uns dabei nicht darum, ob die Bewerber:innen ‚korrekt‘ klassifiziert wurden, sondern uns interessierte die Wirkweise des sog. gesellschaftlichen Blicks, der die Wahrnehmung von Rassifizierung in Brasilien vermeintlich strukturiert und mit dem die Kommissionen die Bewerber:innen betrachten sollen. Folgende Forschungsfragen waren dabei relevant: 1) Wie wird jener gesellschaftliche Blick in den Kommissionen umgesetzt und operationalisiert? 2) Wie übersetzen staatliche und quasi-staatliche Institutionen diesen gesellschaftlichen Blick in bürokratische Standards? 3) Wie wird Evidenz für die Entscheidungen der Kommissionen hergestellt? Was zählt als Beweis? Wir arbeiteten mit theoretischen Ansätzen, die betonen, dass Objekte erst durch konkrete Praktiken, die sie hervorbringen, aufrechterhalten und stabilisieren, relevant werden. Hauptziel des Projekts war es, ein ethnographisch fundiertes Verständnis davon zu gewinnen, wie der gesellschaftliche Blick operationalisiert und wie Rassifizierung im Zuge dessen artikuliert wird. Methodisch arbeiteten wir mit folgenden Strategien: a) stille Beobachtung von Bewertungskommissionen, b) Interviews, informelle Gespräche und Shadowing von Kommissionsmitgliedern und Angestellten der jeweiligen Institutionen, c) teilnehmende Beobachtung von Fortbildungen für die Kommissionsmitglieder, d) Dokumentenanalyse von juristischen Fällen und Regierungsrichtlinien. Dabei bestand das übergeordnete Forschungsziel darin, zu lernen, wie die verschiedenen Akteure die Beurteilungspraktiken und die darin vorgenommenen rassifizierenden Klassifikationen durchführten und beschrieben und nicht, diese Arbeit politisch oder moralisch zu beurteilen. Durch die Verknüpfung von postkolonialen Ansätzen innerhalb der Science and Technology Studies mit Forschungen über Bürokratie und Staatsbürgerschaft leistet das Projekt einen Beitrag zur ethnologischen Erforschung von Rassifizierung. Darüber hinaus bieten wir eine neue Perspektive auf Affirmative Action in Brasilien, indem wir auf die konkreten Kategorisierungspraktiken fokussieren und das bürokratische Handeln sowie die Bewertungsverfahren in diesem Feld ethnographisch analysieren.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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