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Totes Kapital? Die Ökonomie des Leichnams auf den Britischen Inseln (ca. 1600–1830)

Fachliche Zuordnung Frühneuzeitliche Geschichte
Förderung Förderung von 2018 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 401788016
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

In der Frühen Neuzeit waren menschliche Überreste ein lukratives Handelsgut. Sie wurden als Reliquien verkauft, als kunstvolle naturhistorische Präparate und kostbare Arzneistoffe beworben und gelangten als Hehlerware in die Anatomien und Medizinischen Fakultäten der 'westlichen Welt' - und nicht zuletzt entstand ein boomender Markt für Schädel und mumifizierte Köpfe aus den europäischen Überseekolonien. Über diese fundamentale Ökonomie frühneuzeitlicher 'Human Remains' war jedoch bislang kaum etwas bekannt. Weder die Kultur- noch die Wirtschaftsgeschichte hatten die grundlegende Bedeutung des Phänomens zum Zeitpunkt der Antragsstellung erkannt. Das vorliegende Projekt hatte es sich daher zum Ziel gesetzt, die merkantile Dimension menschlicher Überreste in der Frühen Neuzeit erstmals grundlegend aufzuarbeiten und aktuelle Debatten einer Kulturgeschichte des Ökonomischen um das vor mir entwickelte neue Konzept der 'Nekroökonomien' zu erweitern. Unter Nekroökonomien sind in Kurzform Praktiken zu verstehen, die Human Remains einer ökonomischen Verwertungslogik unterwerfen. Diese unterscheiden sich im Epochen- und Gesellschaftsvergleich z.T. massiv. Indem sie die Akteure dazu zwangen, sich zu den 'Letzten Dingen' zu positionieren, machten Nekroökonomien gesellschaftliche - etwa religiöse - Werte und Normen häufig überhaupt erst sichtbar. Damit adressierte das Projekt grundlegende Forschungsprobleme wie den Umgang mit Normen- und Wertekonflikten und Phänomene kultureller Ambiguität in den Gesellschaften der Frühen Neuzeit. Im Projekt wurden wesentliche Teile einer wissenschaftlichen Monographie zum Thema erarbeitet, ferner wurde ein Themenheft einer Fachzeitschrift sowie mehrere Fachaufsätze publiziert. Zudem wurden regelmäßig Lehrveranstaltungen zum Thema durchgeführt, aus denen studentische Forschungsarbeiten sowie Qualifikationsarbeiten hervorgegangen sind. Vier Ergebnisse des Vorhabens sind besonders hervorzuheben: (1) Anders als bislang angenommen wurde der Handel mit menschlichen Überresten keinesfalls von gesellschaftlichen Randgruppen betrieben. Meine Ergebnisse zeigen, dass sich Händlerinnen und Händler für Human Remains typischerweise aus ständischen Kernmilieus rekrutierten. Anders als gedacht agierten zudem nicht allein Männer, sondern auch Frauen als Leichenhändler:innen. (2) Human Remains aus Außereuropa gelangten in der Frühen Neuzeit und der Sattelzeit in großer Zahl als koloniale Raubgüter nach Europa und Nordamerika. Bislang kaum aufgearbeitet sind jedoch die Marktpraktiken, die dabei zum Einsatz kamen. Hier konnte erstmals ein Kreis subalterner (auch indigener) Akteure identifiziert werden, die als 'Lieferanten' in Erscheinung traten. Auch Handelsrouten und -netzwerke konnten in Grundzügen rekonstruiert werden. Künftig werden noch weitere Forschungen erforderlich sein, um ein vollständiges Bild dieser globalen Markkulturen im Umfeld von Human Remains zu erhalten. (3) Im Kontext frühneuzeitlicher Sammlungs- und Wissensökonomien spielten humananatomische Präparate eine maßgebliche Rolle. Im Anschluss an Forschungen zum Feld der 'Entrepreneurial Science' in der Frühen Neuzeit konnten im geförderten Projekt zentrale wertgenerierende Faktoren nachgewiesen und analysiert werden, vor allem Praktiken der Ästhetisierung und materielle Einschreibetechniken. Schließlich wurde (4) das Konzept der Nekroökonomien im Austausch mit Kolleg:innen im In- und Ausland fortentwickelt und verschiedene Nekroökonomien historischer Gesellschaften exemplarisch nachgewiesen und beschrieben.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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