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Die große Erzählung von der “Heiligen Verteidigung”: Die Dynamik von Repräsentation und Subversion in der iranischen Kriegsliteratur

Fachliche Zuordnung Islamwissenschaft, Arabistik, Semitistik
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft
Förderung Förderung von 2018 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 404765835
 
Erstellungsjahr 2025

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Was geschieht mit ideologischer Wahrheit, wenn sie durch Fiktion vermittelt wird? Um dieser Frage nachzugehen, verfolgt die vorliegende Studie die Entwicklung der iranischen Kriegs- und Nachkriegsliteratur, die den Iran-Irak-Krieg (1980–1988) darstellt—eine Kategorie historischer Erzählungen, die eng mit der ideologischen Konstruktion des defāʿ-e moqaddas (der „Heiligen Verteidigung“) in der Islamischen Republik verknüpft ist. Zwar wurde der Begriff von Ayatollah Khomeini erstmals 1982 nur vage mit dem damaligen Krieg gegen den Irak in Verbindung gebracht, doch entwickelte sich die Heilige Verteidigung im Laufe der Zeit zu einer festen Referenz des Regimes für diesen Krieg. Bis Ende der 1990er Jahre hatte sich, durch institutionelle Verankerung und systematische kulturelle sowie soziopolitische Maßnahmen, ein umfassendes epistemologisches Deutungsmodell herausgebildet—eine große Erzählung, die tief in der schiitischen Identität der Islamischen Republik verwurzelt ist und deren religiomystischmilitanter Wertekanon sowohl nach innen als auch außen widerspiegelt. In diesem hochautoritären Kontext wurde Kultur—als Schnittstelle zwischen Staat und Gesellschaft—zu einem zentralen Feld der Überzeugung. Staatlich geförderte Kulturgüter, darunter Literatur, verbreiteten die hegemoniale Wahrheit dieser großen Erzählung, buhlten um Akzeptanz und zielten darauf ab, alternative Deutungen des Krieges zu delegitimieren oder gar zum Schweigen zu bringen. In detaillierten Textanalysen mit besonderem Augenmerk auf gegenläufige Momente präsentiert die Studie eine intertextuelle Untersuchung dieses umkämpften Narrativraums und verfolgt die Entwicklung der kriegsbezogenen Fiktion in der Islamischen Republik über einen Zeitraum von etwa vier Jahrzehnten. Dabei wird anerkannt, dass die Heilige Verteidigung—sei es in propagandistischer oder subversiver Form—weiterhin ein integraler Bestandteil der Iran-Irak-Kriegsfiktion im Iran bleibt. Dennoch argumentiert die Studie, dass die plurale Struktur literarischer Texte die Heilige Verteidigung zwangsläufig transformiert. Diese Transformation ist intertextuell ambivalent: Einerseits ermöglicht sie die Anpassung und Fortführung der großen Erzählung, andererseits verschiebt das Bemühen um Leserbindung das Gleichgewicht—sie mildert die rigide Intensität autoritärer Wahrheit und eröffnet Räume für alternative Narrative. Diese Diagnose wird durch den bemerkenswerten Anstieg kritischer oder subversiver Werke seit etwa 2010 gestützt, verfasst von einer jüngeren Generation wie ʿAli Reza Gholami, Nasim Marʿashi, Zakariya Qaʾemi, Ayat Dowlatshah, Samira Rashidpur, Zahra ʿAbdi und anderen—ein erstaunlicher Befund angesichts der repressiven politischen Lage nach den Wahlen von 2009 und dem Niedergang reformistischer Ansätze. Paratextuelle Analysen zeigen jedoch, dass das Regime—ähnlich wie im Bereich der visuellen Medien oder digitaler Plattformen—seither subtilere Strategien entwickelt hat, um sich ein Publikum für die Erzählung des Iran-Irak-Kriegs zu sichern. Die Studie untersucht sowohl staatlich geförderte Kriegsfiktion, die direkt dem propagandistischen Genre der Heiligen Verteidigungsliteratur zuzuordnen ist, als auch unabhängige Werke, die trotz mangelnder ideologischer Übereinstimmung oft institutioneller Kontrolle unterliegen. Aus epistemologischer, institutionengeschichtlicher, erzähltheoretischer und rezeptionsästhetischer Perspektive zeigt die Arbeit mit aller gebotenen Differenziertheit, welche Rolle Literatur und Erzählen bei der Herausbildung eines Gegenpols zur autoritären Wahrheit spielen.

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