Project Details
Projekt Print View

's Bachmanns Anna und de Schmidte Karl' Grammar and Sociopragmatics of Unofficial Personal Names in German Dialects

Subject Area Individual Linguistics, Historical Linguistics
Applied Linguistics, Computational Linguistics
Term from 2018 to 2021
Project identifier Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Project number 405468658
 
Final Report Year 2022

Final Report Abstract

Das Projekt hat dialektale Referenzformen für Personen und insbesondere die Variation in der Abfolge von Ruf- und Familienname im Gesamtnamen ((die) Anna Müller vs. die Müller Anna bzw. (s) Müllers Anna) untersucht. Gesamtnamen mit Voranstellung des Familiennamens werden vor allem in gut vernetzten dörflichen Kommunikationsgemeinschaften zur Referenz auf am Gespräch Unbeteiligte verwendet. Von besonderem Interesse waren dabei Strukturen, in denen der Familienname durch ein zusätzliches Element modifiziert ist, bei dem es sich um ehemalige Genitivflexion handelt (Müller-s/Schmidt-e(n) Anna). Diese Namen stellen somit eine der letzten Domänen adnominaler Genitive in den deutschen Dialekten dar und werfen Fragen nach den Gründen für den Genitiverhalt auf. Das Forschungsvorhaben widmete sich damit nicht nur onomastischen, sondern auch morphosyntaktischen und (sozio)pragmatischen Fragestellungen. Mit einem Mixed-Methods-Ansatz, bestehend aus einem Onlinefragebogen und direkten Erhebungen an 12 Ortspunkten im gesamten bundesdeutschen Sprachraum, wurden Grammatik und (Sozio)pragmatik vorangestellter Familiennamen dialektvergleichend untersucht. Mit der Onlineerhebung konnten die strukturellen Typen im Bundesdeutschen (und teilweise im Schweizerdeutschen) großflächig kartiert werden. In den Tiefenbohrungen konnten aus authentischen Referenzsituationen ortsspezifische Systeme abgeleitet und verglichen werden. Dabei waren verschiedene Abbauprozesse zu beobachten, die sich in den rezenten Systemen in unterschiedlichen Stadien zeigen und sich in einem hohen Formalisierungsgrad bei der Variantenwahl mit ehemaligen Genitivflexiven (phonologisch-prosodische Steuerungen) oder in der völligen Aufgabe schwacher (und kombinierter) Genitivflexive zugunsten von -s manifestieren. Genitivische Gesamtnamen kodieren vor allem Herkunft und entstanden durch die Zugehörigkeit von Referenzpersonen zu vorindustriellen Wohn- und Arbeitsgemeinschaften. Reste der über Jahrhunderte tradierten Relevanz der Herkunftsfamilie finden sich noch heute in einer ikonischen Voranstellung des Familiennamens und erklären den Erhalt dieser Possessivphrasen, die in dörflichen Kommunikationsgemeinschaften ein ökonomisches und maximal informatives, auf Rezipierende zugeschnittenes Mittel darstellen, um auf Insider zu referieren und diese in den dörflichen Sozialraum einzuordnen. Datengeleitet ausgewertete Fokusgruppeninterviews gaben Aufschluss über Verwendungskontexte der beiden Abfolgen im Gesamtnamen. Während im Bairischen vorangestellte Familiennamen als Default zur Referenz auf persönlich Bekannte genutzt werden und diese Praxis über die Grenzen des eigenen Wohnorts hinausreicht, handelt es sich in anderen Dialekträumen meist um ortsspezifische Referenzmittel, die einer komplexen pragmatischen Steuerung unterliegen. Sie werden evoziert durch (mehrgenerationale) Ortsgebundenheit, Partizipation am Ortsgeschehen und dialektale Kommunikationssettings (dies gilt für Referenzpersonen wie Sprechende/Hörende gleichermaßen). Im Onlinefragebogen zeigte sich, dass bei höheren Einwohnerzahlen und später geborenen Teilnehmenden die Frequenz dieser Strukturen abnahm. Durch das Projekt konnte somit gerade noch rechtzeitig die letzte Generation befragt werden, die das untersuchte Phänomen noch aktiv nutzt und produktiv auf neue Referenzpersonen anwenden kann. Anonymisierte Transkripte der Fokusgruppendiskussionen wurden unter einer Creative Commons-Lizenz verfügbar gemacht und können als Korpus für dialektologische oder pragmatische Fragestellungen nachgenutzt werden.

Publications

 
 

Additional Information

Textvergrößerung und Kontrastanpassung