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Die Herkunft von Neanderthaler-Gruppen an der Ostgrenze ihres Verbreitungsgebietes: Vergleichende archäologische Untersuchungen zur Sibiryachikha-Industrie des Russischen Altai

Fachliche Zuordnung Ur- und Frühgeschichte (weltweit)
Förderung Förderung von 2019 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 405970589
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Das Projekt hatte sich zur Aufgabe gestellt, Szenarien, die sich aus Ergebnissen genetischer Analysen zu Neandertaler-Gruppen insbesondere in deren östlichsten Verbreitungsgebiet ergeben haben, mit archäologischen Fundmaterialien und Methoden auf regionaler bis subkontinentaler Skale zu überprüfen. Im Fokus standen dabei etwa 55.000 Jahre alte Steinartefaktinventare der Sibiryachikha-Industrie des Russischen Altai aus der Chagyrskaya-Höhle und der Okladnikov-Höhle, die mit Überresten von genetisch untersuchten Neandertalern vergesellschaftet sind. Multivariate statistische Analysen belegen, dass die Sibiryachikha- Inventare innerhalb des fundreichen Mittel- und frühen Jungpaläolithikums des Altaigebirges ein ausgesprochener Fremdkörper sind. Große Ähnlichkeiten bis hin zur 3D-Morphometrie der bifaziellen Geräte ergaben sich dagegen zu einer mittel- und osteuropäischen Industrie mit ausschließlich Neandertalerfossilien, dem Micoquien. Archäologisch deutet damit alles auf eine schnelle Ausbreitung von Gruppen des Micoquien vor vielleicht 60.000 Jahren aus dessen Kernverbreitungsgebiet bis nach Sibirien. Die dabei überbrückte Distanz zu der bisherigen Verbreitungsgrenze des Micoquien im östlichen Schwarzmeerregion beträgt 4.000 km. Genetische Vergleiche verweisen auf eine größere Nähe der Neandertalergruppen des Altai-Micoquien und solchen aus der Vindija-Höhle in Kroatien sowie aus der Mezmaiskaya-Höhle im Kaukasus. Aus archäologischer Sicht kann jedoch nicht entschieden werden, ob es sich dabei tatsächlich um die Quellgebiete der Ausbreitung des Micoquien in den Altai handelt. Erste Analysen zum lokalen bis regionalen Siedlungsmuster des Micoquien im Altai ergaben, dass in der Chagyrskaya-Höhle lokales Schottermaterial so verarbeitet wurde, dass vor allem große Grundformen und bifazielle Geräte entstanden, die in vielen Fällen zu anderen Plätzen mitgenommen wurden. Es entsteht der Eindruck hoch mobiler Gruppen, die gelernt hatten, mit dem wenig qualitätvollen Rohmaterialangebot vor Ort zurechtzukommen. Um mögliche Herkunftsgebiete der Altai-Neandertalergruppen archäologisch eingrenzen zu können, wurden im Rahmen einer literatur-basierten Metastudie die Lagedaten der Fundstellen des mittel- und osteuropäische Micoquien inklusive des Altai ermittelt und quellenkritisch überprüft. Übrig blieben 149 Fundstellen, die in ein Geographisches Informationssystem einflossen, dass neben einer Prognose für die Lage weiterer, bisher nicht bekannter Fundstellen Analysen zur Bildung von Fundstellenclustern, zur Gewichtung von unterschiedlichsten Lageparametern bei Fundplatzauswahl durch Neandertalergruppen auch eine quantitative Vorhersage möglicher Ausbreitungskorridore ermöglicht. Eine erste Pilotstudie für die potentielle Herkunftsregion Süddeutschland ergab, dass die dortigen Neandertaler-Gruppen pragmatisch auch Höhlen und Abris mit nicht-optimalen Lageparametern nutzten und – ganz im Gegensatz etwa zu den jungpaläolithischen Jägergruppen - nicht zwingend sonnenexponierte Südhanglagen bevorzugten.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • Archaeological evidence for two separate dispersals of Neanderthals into southern Siberia. Proceedings of the National Academy of Sciences, 117(6), 2879-2885.
    Kolobova, Kseniya A.; Roberts, Richard G.; Chabai, Victor P.; Jacobs, Zenobia; Krajcarz, Maciej T.; Shalagina, Alena V.; Krivoshapkin, Andrey I.; Li, Bo; Uthmeier, Thorsten; Markin, Sergey V.; Morley, Mike W.; O.’Gorman, Kieran; Rudaya, Natalia A.; Talamo, Sahra; Viola, Bence & Derevianko, Anatoly P.
  • Settlement patterns of the Middle Palaeolithic in Southern Germany. A GIS-supported predictive model for sites in Bavaria and Baden-Wurttemberg Das Siedlungsmuster des Mittelpaläolithikums in Süddeutschland. Eine GIS-gestützte Ar chäoprognose für Fundstellen in Bayern und Baden-Württemberg. Quartär Jahrbuch 38, 7-23.
    Wiesner, C. M.
  • Neanderthal technological variability: A wide-ranging geographical perspective on the final Middle Palaeolithic. Updating Neanderthals, 163-205. Elsevier.
    Romagnoli, Francesca; Chabai, Victor; Gravina, Brad; Hérisson, David; Hovers, Erella; Moncel, Marie-Hélène; Peresani, Marco; Uthmeier, Thorsten; Bourguignon, Laurence; Chacón, M. Gema; Modica, Kevin Di; Faivre, Jean-Philippe; Kolobova, Kseniya; Malinsky-Buller, Ariel; Neruda, Petr; Garaizar, Joseba Rios; Weiss, Marcel; Wiśniewski, Andrzej & Sykes, Rebecca Wragg
  • Weiter östlich als gedacht: Untersuchungen zur Herkunft der Neandertaler im Russischen Altai. In: Mischka, D., Grüner, A., Reinhardt, C., Uthmeier, Th. & U. Verstegen (Hrsg.) (2020): Vom Untergrund ins Internet. Die Aktivitäten der Jahre 2018 und 2019. Erlangen. Imagebroschüre Archäologische Wissenschaften an der FAU, Erlangen, 141-143.
    Uthmeier, Th.
  • Das Siedlungsmuster des Mittelpaläolithikums in Süddeutschland – Eine GIS-gestützte Archäoprognose für Fundstellen in Bayern und Baden- Württemberg. Archäologische Berichte 35. Verlag Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF), Kerpen-Loogh.
    Wiesner, C. M.
 
 

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