Zum analytischen Potenzial qualitativer Längsschnittinterviews im Rahmen der empirischen Sozialisationsforschung
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Projekt untersucht das analytische Potenzial qualitativer Längsschnittinterviews. Dazu wurden Veränderungen der Selbstartikulation von Jugendlichen und Erwachsenen, die über einen längeren Zeitraum mehrfach interviewt wurden, als Dokumente einer „registrierend konservierten“ (Bergmann 1985) sozialen Situation re-analysiert. Darauf aufbauend lässt sich nachvollziehen, wie die interviewte Person im Zuge ihrer Gesprächsbeiträge sich „rekonstruierend“ auf soziale Wirklichkeiten außerhalb der unmittelbar protokollierten Gesprächswirklichkeit bezogen hat. Demzufolge sind die im Sozialisationsprozess habitualisierten Elemente des Tuns einer Sprecherin in erster Linie ablesbar an der Art und Weise, wie diese den „Aktivitätsrahmen“ (Schütze 1987) der sozialen Situation Interview mitgestaltet. Bei den Jugendlichen wurde ein sich über die Interviews ausdifferenzierendes Repertoire narrativer Kompetenzen in themenspezifischen narrativen Episoden deutlich. Deren Relation zu themenübergreifenden Selbst- und Fremdpositionierungen ließ sich insbesondere über das Erzählte Ich erschließen, mit dem sich ein biographisch werdendes Selbst artikuliert. Im Vergleich zeigt sich in den biographischen Interviews der Erwachsenen eine stärker reflektierende Selbstartikulation des gewordenen Selbst, z.B. in Form wiederkehrender Stegreiferzählungen. Die Modi der Selbstartikulationen wurden auf die Ergebnisse der Genogrammanalysen (Bohler 2006) bezogen, die von objektiven Lebensdaten zur sozialen Herkunft und den Stationen institutionalisierter Lebensereignisse ausgehen. Der zentrale Ertrag des Projekts ist die Vorlage eines methodisch-analytischen Konzepts zur Rekonstruktion von Prozessen der Habitusformierung und -transformation, die sich in konstanten oder wandelnden biographischen Artikulationsmustern in Interviewgesprächen zeigen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Habitusgenese und bildungsbiographische Selbsteliminierung. In: Lessenich, S. (Hg.) 2017: Geschlossene Gesellschaften. Plenum 3. Verhandlungen des 38. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bamberg 2016.
Corsten, M. & Schierbaum, A.
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Quellen biographisch resistenter Bildungsaspirationen. In: Burzan, N. (Hg.) Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen. Verhandlungen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Göttingen 2018.
Audehm, K. & Corsten, M.
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Jugend und Biographie – Zur längsschnittlichen Untersuchung von Herausforderungen im Jugendalter. Qualitative Längsschnittforschung, 201-220. Verlag Barbara Budrich.
Schierbaum, Anja & Corsten, Michael
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Man wirft der DDR ja viel Negatives vor. Bildungserfahrungen im Spannungsfeld von biographischen Erinnerungen und kollektivem Wissen. In: Villa, P. I. (Hg.) Polarisierte Welten. Verhandlungen des 41. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2022.
Corsten, M. & Pierburg, M.
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Sich als Subjekt des Sprechens über das eigene Leben einführen. Subjektivierung und Gesellschaft/Studies in Subjectivation, 115-138. Springer Fachmedien Wiesbaden.
Jafke, Larissa; Maleyka, Laura; Herma, Holger; Spindler, Karsten; Corsten, Michael & Audehm, Kathrin
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Habitus and Education. Handbook of the Anthropocene, 1131-1135. Springer International Publishing.
Audehm, Kathrin
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Längsschnittdesigns für qualitative Interviews und ihr analytisches Potenzial. Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen – Memory Studies, 117-136. Springer Fachmedien Wiesbaden.
Corsten, Michael
