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Zeitzeugen im Geschichtsunterricht als Maßnahme zur Förderung historischer Kompetenzen: Eine cluster-randomisierte kontrollierte Interventionsstudie

Fachliche Zuordnung Allgemeines und fachbezogenes Lehren und Lernen
Förderung Förderung von 2019 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 416879869
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Es wird vielfach empfohlen, Zeitzeug:innen in den Geschichtsunterricht einzuladen, um Geschichte persönlich und nahbar zu machen. Gleichzeitig zeigte sich aber in einer großen Studie, dass die Arbeit mit Live-Zeitzeug:innen den Schüler:innen zwar mehr Spaß machte, sie aber weniger lernten als Schüler:innen mit Videos oder Texten von Zeitzeug:innen. Die sogenannte Aura der Zeitzeug:innen scheint die Schüler:innen zwar emotional zu engagieren (und manchmal auch zu „überwältigen“), aber es besteht die Gefahr, dass es sogar negative Effekte auf den Kompetenzerwerb gibt. Wir haben aufgrund dieser Erkenntnisse zu Chancen und Risken an zwei Stellschrauben für die Einbindung von Zeitzeug:innen in den Unterricht in einer neuen, groß angelegten Unterrichtsstudie gedreht. Zwei Zeitzeug:innen mit unterschiedlichen Perspektiven sollten den Schüler:innen zeigen, dass es häufig mehr als eine Perspektive auf ein geschichtliches Thema geben kann und deshalb die Aussagen auf ihre empirische Plausibilität geprüft werden müssen. Außerdem haben die Schüler:innen mit Zeitzeug:innenaussagen über den Alltag vor, während und nach der Wende gearbeitet. Dieser Fokus auf „Alltag“ sollte die Gefahr verringern, dass Schüler:innen von den Zeitzeug:innenberichten überwältigt werden. Durch die Intervention mit zwei Alltagszeitzeug:innen sollten Kompetenzen im Geschichtsunterricht, wie die Vorstellungen über die Natur von Wissen (Epistemologie; z.B. „wie sicher ist Wissen?“) und den Prozess dessen Erwerbs (Methodenkompetenz; d.h. „welches historische Wissen wird aus der kritischen Analyse von Quellen generiert?“) gefördert werden. Um solche Kompetenzen schnell, objektiv und verlässlich erfassen zu können, gibt es bis heute wenige (deutschsprachige) Tests. Wir haben deshalb zwei neue Tests entwickelt und in einer Vorstudie überprüft. Die beiden Tests zur Methodenkompetenz (d.h. kritisch mit Quellen und Darstellungen umgehen können) und zu epistemologischen Prinzipien (d.h. die Grundprinzipien von Geschichte wie beispielsweise das Nebeneinander von Narrativen zu verstehen) haben wir in der Studie eingesetzt. Zusammen mit dem Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg (ZSL) haben wir drei Doppelstunden entwickelt, in denen mit den Aussagen von zwei Zeitzeug:innen entweder live im Klassenzimmer oder mit einem Videozusammenschnitt gearbeitet wird. In der Unterrichtseinheit zum Thema Transformationszeit nach 1989/90 (Folgen der Wiedervereinigung) kamen so jeweils eine Westund eine Ostperspektive nebeneinander zu Wort. Insgesamt nahmen 50 Lehrkräfte mit 1.301 Schüler:innen an der Studie teil, die zufällig zugewiesen entweder die Unterrichtseinheit (mit Livebesuch oder mit einem Video von zwei Zeitzeug:innen) oder in der Kontrollgruppe nach Lehrplan ohne Zeitzeug:innen unterrichtet wurden. Die Analysen haben wir vorab umfangreich präregistriert. Die Klassen mit Zeitzeug:innenunterricht hatten ein besseres Verständnis davon, was die Berichte von Zeitzeug:innen ausmacht, und schnitten im Wissenstests besser ab als die Kontrollklassen, waren aber – entgegen unserer Erwartungen – bei anderen Kompetenztests nicht besser. Auch Überzeugungen zum Geschichtsunterricht wurden durch die Intervention entgegen unseren Annahmen nicht stark verändert. Beispielsweise schätzten die Schüler:innen der Klassen mit Zeitzeug:innen die Relevanz von Geschichte für das eigenen Leben nicht höher ein als die der Kontrollgruppe. Für die Praxis haben wir Hinweise gefunden, dass in der neu entwickelten Unterrichtseinheit mit zwei Alltagszeitzeug:innen mögliche „Risiken“ in Bezug auf den Lernerfolg in Klassen mit Livebesuch gesenkt werden konnten. Im Vergleich zu den Klassen, die mit professionell geschnittenen Videos gearbeitet haben, sahen die Live-Klassen die Arbeit mit Zeitzeug:innen zwar als motivierender an, schätzen aber nicht ein, dass sie inhaltlich und methodisch mehr dazugelernt hatten. Die Videos stehen samt Unterrichtsmaterial auf der Seite des ZSL zur freien Nachnutzung zur Verfügung. Auch die im Projekt entwickelten Kompetenztests werden im Rahmen einer Publikation veröffentlicht und können frei genutzt werden.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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