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Europa im Angesicht der Globalisierung 1870-1914 – eine Analyse der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Nationalstaaten (Fortsetzungsantrag)

Antragsteller Dr. Yaman Kouli
Fachliche Zuordnung Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Förderung Förderung von 2019 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 419898253
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Für lange Zeit wurde der Aufstieg des europäischen Nationalstaats Ende des 19. Jahrhunderts als Prozess interpretiert, der zu gegenseitiger Entfremdung von Ländern führte, die wenig Interesse an europäischer oder internationaler Kooperation hatten. Diese Annahme haben jüngere Publikationen mittlerweile als falsch zurückgewiesen. Erstens entwickelten sich bereits während dieses Zeitraums einflussreiche Netzwerke von Intellektuellen und Wissenschaftlern, und Weltausstellungen fanden meist in den europäischen Hauptstädten statt. Darüber hinaus waren die Arbeits- und Kapitalmärkte, die Kommunikationsnetzwerke, die Infrastruktur etc. eng miteinander verflochten – nicht nur, aber in erster Linie in Europa. Zweitens handelt es sich um eine Ära, die zahlreiche intergouvernementale Kongresse zeitigte, die häufig in internationale Verträge mündeten. Drittens verstärkte die sog. erste Welle der Globalisierung die gegenseitige ökonomische Abhängigkeit aller Länder, die am Welthandel teilnahmen. Die Studie verfolgt drei Ziele: Erstens soll sie nachweisen, dass der europäische Nationalstaat nicht als politisch isoliertes Phänomen gedacht wurde, im Gegenteil. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts waren sich Politiker der Tatsache bewusst, dass nationale Regelungen und Gesetze nur dann funktionieren konnten, wenn die jeweiligen Staaten in ein Netzwerk von internationalen Verträgen und Regulationen eingebettet waren. Zweitens strebt das Projekt an, die drei Begriffe Globalisierung, Internationalismus und europäische Integration besser voneinander unterscheiden zu können. Durch Analyse der Sozial- und Patentpolitik kann gezeigt werden, dass obwohl international Koordination in beiden Fällen wichtig war, sich die ausgewählten Strategien überraschend stark voneinander unterschieden. Drittens soll die aktuelle Debatte der europäischen Integration durch eine historische Perspektive begleitet werden. Dieses Vorhaben ist gelungen. Dem Vorgehen der Staaten und Regierungen vor 1914 lässt sich klar entnehmen, dass sie sich der gegenseitigen Abhängigkeit in vielen Fragen bewusst waren. Souveränität wurde nicht als absolutes Phänomen interpretiert, bei dem Staaten vollkommen unabhängig von anderen Ländern sind. Und insbesondere der Begriff „europäische Integration“ konnte dahingehend klarifiziert werden, dass es sich bei ihm nicht zwangsweise um einen intentionalen Prozess handelt. Im Gegenteil, es kam zu einer Integration, ohne dass sich ein Akteur oder eine Übereinkunft identifizieren lässt, der bzw. die das Ziel einer länderübergreifenden Annäherung definiert. Damit unterscheidet sich die europäische Integration von vor 1914 ganz entscheidend von derjenigen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zentral ist, dass die Integrationsimpulse zu praktisch jedem Zeitpunkt von einem konkreten Problem ausgingen. Bei der Sozialpolitik war es insbesondere die Migration, oft an der gemeinsamen Grenze, die zu praktischen Problemen führte. Im Fall der Patente waren es regelmäßig Handelsverträge, bei denen Patentfragen mitgeklärt wurden. Das galt auch für die Epoche nach 1873, nach der es mit der Pariser Verbandsübereinkunft prinzipiell bereits ein internationales Abkommen gab. Zwischenstaatliche, bilaterale Kooperation wurde fortgesetzt.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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