Medialisierte Kommunikation unter Druck: Kommandokulturen, epistemische Praktiken und verteilte Handlungsentscheidungen in der technisch vermittelten Kriegskommunikation
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Im Anschluss an das zuvor geförderte DFG-Projekt „Kommunikation unter Druck. Praktiken der Verständigung von Trainern und Athleten im Wettkampfsport“, in dem wir Prozesse der Kommunikation unter Bedingungen von Zeit- und Handlungsdruck am Beispiel körperlich-kopräsenter Interaktionsprozesse im Sport erforscht haben, nahm das hier berichtete Projekt nun kontrastiv Kommunikationsprozesse unter Zeit- und Handlungsdruck unter medialisierten Bedingungen in den Blick. Im Projekt „Kommunikation unter Druck. Praktiken der Verständigung von Trainern und Athleten im Wettkampfsport“ war herausgearbeitet worden, dass Kommunikation unter Druck unter den Bedingungen der Kopräsenz im Sport in hochgradig kondensierter Form und kontextsensitiver Weise multimodale semiotische Ressourcen sowie kanalstabilisierende sequenzielle Praktiken einsetzt, um Verständigung und Handlungskoordination zu erzielen. Ein Fokus unserer damaligen Forschung bestand dabei u.a. im Herausarbeiten der zuvor wenig berücksichtigten Bedeutungen und Modalitäten taktiler und haptischer Kommunikationsformen. Im hier berichteten Projekt zu entsprechenden Kommunikationsformen unter Einfluss von technischen Medien stellte sich nun heraus, dass sich die Druckbedingungen insbesondere in der leicht medialisierbaren Prosodie des Sprechens – insbesondere dem Rhythmus, der Lautstärke und der Tonhöhenvariation, bis hin zum Atmen – ausdrückt. Mit diesen Modalitäten werden bereits auf implizite, aber dennoch stabil intersubjektivitätsfähige Weise Einschätzungen der Handlungssituation (z.B. topographische Desorientiertheit oder Lebensgefahr durch feindlichen Beschuss) kommuniziert, die zur Koordination und schließlich gemeinsamer Absicherung von Handlungsentscheidungen beitragen und dabei – je nach Fall – epistemische Unsicherheit oder Sicherheit kommunizieren. Vokalität ersetzt hierbei Taktilität. Kommunikation unter Druck nutzt somit in beiden Fällen in besonderem Maße die materialen Modalitäten menschlicher Kommunikationsressourcen, die je nach den medialen Bedingungen variiert werden. Die medialen Bedingungen in den von uns aufgrund der Datenlage besonders berücksichtigten Kampfhubschraubern lassen dabei, je nach Handlungsrelevanz, zudem unterschiedliche Publika zu, die auch unterschiedliche Formen der modalen Kommunikation notwendig machen. Die im Hubschrauber befindliche Dyade nutzt stärker die genannten prosodischen Modi, um Handlungsrelevanzen, aber auch evtl. noch bestehende epistemische Unsicherheiten zu kommunizieren, während das Zuschalten weiterer Publika eine stärkere Verbalität und Kenntlichmachung epistemischer Sicherheit erforderlich macht. Das Projektziel, die Kommandokulturen unterschiedlicher Militärtraditionen einzubeziehen, konnte aufgrund der erschwerten Bedingungen der Corona-Pandemie leider nicht eingelöst werden, da wir allein Zugang zu so genannten „Befehls“-Armeen hatten (USA, UK) und uns der Zugang zu Daten aus „Auftrags“-Armeen (Deutschland) aufgrund der Corona-Bedingungen leider verwehrt blieb.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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The interactional accomplishment of 'shootables': Visualisation and decision making before an Apache helicopter attack. In: Ethnographic Studies 17: 100- 124
Ulrich v. Wedelstaedt
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Kolloquiumsvortrag & Workshop Ulrich v. Wedelstaedt: Ethnomethodologische Körpersoziologie – Ein empirischer Workshop zu Sport, Kampf und anderen Körperphänomenen. Kolloquiumsvortrag & Workshop am Institut für Bewegungswissenschaften (Prof. Dr. Gabriele Klein) der Universität Hamburg.
Ulrich v. Wedelstaedt
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Kooperation und Kohäsion in militärischen Einheiten unter Bedingungen telemedialer Kriegsführung. Vortrag im Ad hoc-Panel: Interaktionen zwischen Spaltung und Zusammenhalt: Videoanalysen polarisierter Welten (organisiert von Christian Meier zu Verl, Ajit Singh & René Tuma), auf dem 41. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ‘Polarisierte Welten’, vom 26.-30. September 2022 an der Universität Bielefeld.
Christian Meyer & Ulrich v. Wedelstaedt
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Opening the Black Box: An Ethnomethodological Approach for the Video-Based Analysis of Violence. In: Historical Social Research / Historische Sozialforschung 47 (1): 58-87. (Special Issue: Security, Escalation, and Violence. Video Analysis as a New Tool for a Sociology of Violence, ed. by Thomas Hobel, Jo Reichertz & René Tuma.) (anonym begutachtet)
Christian Meyer & Ulrich v. Wedelstaedt
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Semiotic and asemiotic practices in boxing. Semiotica, 2022(248), 251-278.
Meyer, Christian & Wedelstaedt, Ulrich v.
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‘The fragile science of bruising’ – Observations on intercorporeal connections between coaches and boxers before and during a fight. Sports Coaching Review, 13(1), 13-36.
Wedelstaedt, Ulrich v.
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‚Normales Piepen‘ und ‚kritische Werte‘ – Die Herstellung klinischer Normalität als verteilte körperliche Praxis in der Anästhesie. Die kommunikative Konstruktion von Normalitäten in der Medizin, 255-280. De Gruyter.
Wedelstaedt, Ulrich von
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Wie ist Rhythmus an Interaktion beteiligt? Sportsoziologische Potenziale einer ethnomethodologisch-empirischen Rhythmusforschung. Sport und Gesellschaft, 21(1), 59-90.
Staack, Michael & v., Wedelstaedt Ulrich
