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Kosmopoetisches Formwissen: Astronomie, Poetik und Ideologie in England, 1500—1800

Fachliche Zuordnung Europäische und Amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften
Förderung Förderung von 2019 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 429827737
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Das Projekt untersuchte, wie im frühneuzeitlichen England Wissensbestände in den Bereichen der Astronomie, der Poetik und der Politik über Formverfahren transferiert wurden. Es ging aus von der Beobachtung, dass Wissen erst über seine formale Verfasstheit Autorität erlangt, und dass diese Autorität auf andere Bereiche ausstrahlt, in denen ähnliche Formen zur Anwendung kommen. Die zentrale Frage war, wie astronomisches Wissen vermittelt wird und wie die dabei verwendeten Formen ebenso wie das Wissen selbst ideologisch bzw. poetologisch aufgeladen werden. Das Textkorpus umfasste zum einen astronomische Lehrbücher – eine Textsorte also, in der Wissen pragmatisch aufbereitet und zugleich ideologisch interpretiert bzw. operationalisiert wird. Ihre Formverfahren wurden verglichen mit ebenfalls wertenden Aussagen zur dichterischen Form in Poetiken, Rhetoriken und selbstreflexiven Kommentaren in der Lyrik von Edmund Spenser über John Milton und James Thomson bis Edward Young. Es bestätigte sich die Annahme, dass die bei der Schaffung und Vermittlung astronomischen Wissens verwendeten Formverfahren nicht bloß Symptom gesellschaftlicher Umstände sind, sondern durchaus verwendet wurden, um Einfluss auf sie zu nehmen. Dabei vermitteln die Formen – so z.B. die (neu-)platonische Einheit des Kosmos, die Hierarchie der Himmelskörper oder die Sphärenharmonie – Geltungsansprüche, die ihre Wirksamkeit nicht aus dem astronomischen Gegenstand beziehen, sondern aus den Sphären der Gesellschaft und der Dichtung. Die astronomische ‚Evidenz‘ belegt dann jedoch im Umkehrschluss die Legitimität irdischer Strukturen oder verlangt nach einer Umdeutung bestimmter Formen. Anhand astronomischer ‚Lehrbücher‘ von Kopernikus über Robert Recorde zu Thomas Digges ließ sich insbesondere der erstgenannte Effekt nachvollziehen, also wie Formwissen aus dem Bereich der Philosophie und des ordo-Denkens zur Legitimation astronomischer Neuerungen herangezogen wurde. Anhand poetologischer, rhetorischer und ästhetischer Schriften von Thomas Elyot bis Archibald Alison wurde überprüft, welche epistemologischen und ontologischen Implikationen das Imaginieren des Kosmos für frühneuzeitliche Mimesis- und Autorschaftskonzepte hat. Aus dieser Doppelperspektive ist nachzuvollziehen, welche Formverfahren frühneuzeitliche Texte auf astronomische Wissensbestände zur Anwendung bringen – wie also astronomisches Wissen aufgrund von poetischen Annahmen formal konstituiert wird. Zudem konnte zumindest in Ansätzen nachvollzogen werden, welches Formwissen die Gegenstände, Methoden und Techniken der Neuen Wissenschaft bereitstellen und wie das Wissen von und über Formen sich durch die Neue Astronomie wandelt. Die ideologische Aufladung und identitätsstiftende Funktion solcher Formen konkret mit Blick auf Geschlechter-, Standes- und Konfessionskollektive sowie auf die nationale und transnationale, kosmopolitische Selbstwahrnehmung zu untersuchen, wurde in einer Einzelstudie unternommen.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • Astronomy in Eighteenth-century Poetics (Konferenzvortrag auf Einladung, OFU Bamberg, 29.09.2019)
    Klaeger, Florian
  • How to read writings of the cosmos (Plenarvortrag auf Einladung, KU Leuven, Writing a Cosmos: European Literature and Popular Astronomy, 1890-1950, 06.02.2020)
    Klaeger, Florian
  • Eröffnungsvortrag, Konferenz Writing the Heavens: Celestial Observations in Literature, 800—1800 (FAU Erlangen, 07.10.2021)
    Klaeger, Florian & Dirk Vanderbeke
  • Golden Worlds and Brazen Lies: Comparing Astronomy and Poetry in English Renaissance Poetics. In Anja-Müller-Wood et al. (Hgg.), Translating Renaissance Experience, Éditions québécoises de l’œuvre, 2021, 45–66
    Klaeger, Florian
  • Sidereal messengers: Epistolarity in Restoration astronomical writing (Konferenzvortrag auf Einladung, Restoration Epistolarity, FAU Erlangen/virtuell, 26.03.2021)
    Klaeger, Florian
  • The planet-like music of poetry: Cosmic harmony and ideology in Spenser and Milton (Plenarvortrag auf Einladung, Konferenz Poésique 21: Musique des Sphères, U Grénoble, 02.12.2021)
    Klaeger, Florian
  • This Prospect Vast: Astronomy in Eighteenth-Century British Poetics. In Kerstin-Anja Münderlein (Hg.), Final Frontiers: Exploring, Discovering, Conquering in the Age of Enlightenment, WVT, 2021, 43–60
    Klaeger, Florian
  • Cosmopoetic Form-Knowledge: Neoplatonic Thought in Early Modern English Astronomy Textbooks (Konferenzvortrag, Down to Earth: Literary Form, Didactics, and the Natural World, c. 1550—1750, U Bayreuth, 29.09.2023)
    Kempf, Jonas
  • “The planet-like music of poetry”: The Music of the Spheres and the Poetics of Mimesis in Spenser’s Bower of Bliss and Milton’s Nativity Ode. Études Épistémè(43).
    Klaeger, Florian
  • Sidereal Messages: Print Letters in Restoration Astronomical Writing. Journal for Eighteenth-Century Studies, 47(1), 59-76.
    Klaeger, Florian
 
 

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