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Die Entdeckung der Muttersprache oder wie man spricht, so schreibt man? Normierungsstrategien "kleiner" Sprachen in Europa: Das Okzitanische, Jiddische und Belarussische

Antragstellerin Dr. Martina Niedhammer
Fachliche Zuordnung Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft, Experimentelle Linguistik, Typologie, Außereuropäische Sprachen
Förderung Förderung von 2019 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 432697506
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Das Projekt untersucht exemplarisch den Normierungsprozess dreier „kleiner“ europäischer Sprachen – Jiddisch, Okzitanisch und Belarusisch – aus kulturgeschichtlicher Perspektive interdisziplinär an der Schnittstelle von Geschichtswissenschaft und Philologie. Die Auswahl der Fallbeispiele wirft ein Schlaglicht auf die Vergleichbarkeit ost- und westeuropäischer Prozesse des nation und region building, indem sie in der Geschichtswissenschaft vielfach noch nachwirkende dichotome Sichtweisen, wie die Annahme geographisch zu verankernder Formen des Nationalismus (Hans Kohn) oder das Rückständigkeitsparadigma (Ernest Gellner), hinterfragt. Der Zeitraum der Untersuchung erstreckt sich dabei von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre und damit über ein knappes Jahrhundert. Diese relativ lange Zeitspanne gliedert ein thematischer Zugriff; als Leitfaden dienen strukturelle Gemeinsamkeiten in den drei untersuchten Standardisierungsprozessen. Ausgangspunkt für die Auswahl und Analyse der Fallbeispiele ist die prekäre Situation „kleiner“ Sprachen, die in scharfem Widerspruch zu den öffentlichkeitswirksamen Nobelpreisen für den okzitanisch schreibenden Frédéric Mistral (1904) und den jiddischen Autor Isaak Bashevis Singer (1978) zu stehen scheint, mit denen explizit Literaturen in Minderheitensprachen gewürdigt wurden. Die Verleihung des Nobelpreises an Svetlana Alexijewitsch 2015 wurde in der Öffentlichkeit hingegen immer wieder von der (meist auf Unkenntnis der belarusischen Verhältnisse beruhenden) Frage begleitet, weshalb eine Autorin als Belarusin ausgezeichnet werde, wenn sie nicht in ihrer Landessprache, sondern auf Russisch schreibe. Vor diesem Hintergrund untersucht das Projekt die Techniken, auf die Sprachaktivsten im Zuge der Normierung „ihrer“ „kleinen“ Sprache zurückgriffen, nämlich das Sammeln, Ordnen und Schreiben. Anschließend werden die Akteurinnen und Akteure dieses Prozesses in den Blick genommen: Analysiert wird ihre Rolle in Wissenschaft und Presse sowie ihre Interaktionen mit ihrem imaginierten und faktischen Publikum. In einem weiteren Schritt stehen die Konzepte im Mittelpunkt, die die Sprachaktivisten entwickelten, um das Prestige „ihrer“ Sprache zu steigern und sie zugleich von ihren „großen“ Nachbarn – in diesem Fall das Französische, das Deutsche und das Russische – abzugrenzen: Dialekt versus Sprache, Vorbilder und Gegenbilder, Vergegenwärtigungen des Vergangenen. Die Tatsache, dass alle drei im Projekt untersuchten Sprachen bis heute nicht verbindlich standardisiert und in ihrem Fortbestand nicht zuletzt auch deshalb erheblich gefährdet sind, wirft schließlich die Frage nach dem „Scheitern“ der „Spracherneurer“ auf: Inwieweit ist dieses für das (Selbst-)Verständnis „kleiner“ Sprachen konstitutiv und worin besteht sein analytischer Mehrwert für eine historische Arbeit?

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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