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Der Griff nach den Sternen im Zeichen der Krise. Westeuropas Einstieg in die bemannte Raumfahrt, 1972-1985

Fachliche Zuordnung Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung Förderung von 2020 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 433062531
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

1972 beschloss die European Space Agency den Einstieg in die bemannte Raumfahrt. Politisch wollte sie damit den europäischen Integrationsprozess voranbringen und (West- )Europa als vollwertigen Weltraumakteur im Konzert der Supermächte etablieren, ökonomisch versprach sie sich von diesem Schritt die Erschließung neuer Märkte und die Stärkung der kontinentalen Luft- und Raumfahrtindustrie in Zeiten krisenhaften Wachstums. Westeuropas Einstieg in die bemannte Raumfahrt führte jedoch dazu, dass die ESA im Zuge des Post Apollo-Programms von ihren utopischen, einer friedlichen und völkerverbindenden Erschließung des Weltraums verpflichteten Grundsätzen abzurücken begann und sich in wachsendem Maße mit realpolitischen Herausforderungen wie der Nutzung des Weltraums für militärische und/oder kommerzielle Zwecke konfrontiert sah. Die Entwicklung und Inbetriebnahme des Spacelabs, eines wiederverwendbaren und multifunktionsfähigen Forschungslabors, das Westeuropas Einstieg in die bemannte Raumfahrt gewährleistete, war innerhalb der ESA keineswegs unumstritten, zumal es in enger Kooperation mit den Vereinigten Staaten erfolgte. Politisch wurde die ESA seit dem Ende der 1970er Jahre damit zum Komplizen einer zunehmenden Militarisierung des Weltraums, der im Zuge einer sich erneut verschärften globalen Blockkonfrontation an strategischer Bedeutung gewann. Ökonomisch wiederum führten die sich mit dem Spacelab verknüpfenden Aussichten auf eine unmittelbar bevorstehende Kommerzialisierung der Raumfahrt dazu, dass insbesondere die größeren Mitgliedsstaaten wie Deutschland und Frankreich entgegen den multilateralen Prämissen der ESA in erster Linie nationalen (Weltraum-)Interessen Geltung zu verschaffen suchten. Die US-amerikanische Strategic Defense Initiative führte im Verlauf der 1980er Jahre dazu, dass Frankreich und Deutschland wieder enger zusammenrückten und ein ebenso ambitioniertes wie selbstbewusstes europäisches Weltraumprogramm initiierten. Die Umsetzung dieses Programms scheiterte jedoch nicht nur an konkreten technischen Herausforderungen und realhistorischen Entwicklungen, sondern offenbarte in erster Linie, dass „Europa“ ein Label war, welches im Fall des Spacelabs insbesondere von Deutschland dazu genutzt wurde, nationale und kommerzielle Luft- und Raumfahrtinteressen zu stärken. Spacelab war keine „Erfolgsgeschichte“, und erst recht keine „internationale“, wohl aber ermöglichte es der Bundesrepublik, sich von 1985 an als „Nummer drei“ unter den raumfahrtreibenden Nationen zu präsentieren. Die transatlantische Kooperation wiederum stellte keine bewusste Hinwendung zu einer stärker militärisch ausgerichteten Weltraumpolitik Westeuropas dar. Allerdings bewirkte die Dynamik von politischen Rahmenbedingungen und kommerziellen Interessen im Kontext des Post Apollo-Programms, dass sich insbesondere in der Bundesrepublik eine selbstbewusste, gesellschaftlich aber keineswegs unumstrittene Umdeutung des Selbstverständnisses als raumfahrtreibende Nation vollzog, die von breiter Technikskepsis auf der einen und vermeintlichen Großmachtstreben auf der anderen Seite gespeist wurde.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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