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„Neue Menschen“ schaffen und werden. Rationalisierung, Subjektivierung und Materialität in Baťas Industriestadt Zlín, 1920–1950

Antragsteller Dr. Gregor Feindt
Fachliche Zuordnung Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung Förderung von 2020 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 437366501
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Nach dem Ersten Weltkrieg etablierte das tschechoslowakische Schuhunternehmen Baťa an seinem Stammsitz in Zlín ein hochdynamisches, in Zügen autoritäres Projekt des social engineering. Innerhalb von 15 Jahren verwandelte das Unternehmen die unbedeutende Kleinstadt in eine modernistische, funktional differenzierte und weltweit beachtete Unternehmensstadt. Zlín wurde mit seinen Fabriken, Berufsschulen und Betriebswohnungen zu einer hochentwickelten, unternehmenszentrierten Lebenswelt, in der das Unternehmen massiv in das Leben seiner Beschäftigten und ihrer Familien eingriff und diese Menschen prägte. Grundlegend für diesen Versuch der Sozialreform wurde die Übertragung des in der industriellen Produktion etablierten Prinzips der Rationalisierung auf die Personalentwicklung. Das Unternehmen bewertete seine Beschäftigten mit wissenschaftlichen Methoden und in standardisierten Verfahren, differenzierte sie nach Leistung, Loyalität und Konformität und bot mit dem Bekenntnis zum Unternehmen ein eigenes Zugehörigkeitsangebot, das andere Zugehörigkeiten zu Nation oder Klasse zumindest in Teilen verdrängte. Tatsächlich bot Baťa Arbeiterinnen, Arbeitern und Angestellten, die über längere Zeit beim Schuhunternehmen arbeiteten und sich den Wertvorstellungen unterwarfen, die Chance eines spürbaren sozialen Aufstiegs. Deviante Beschäftigte oder andere unerwünschte Personen wurden dagegen aus der Stadt gedrängt. Das Projekt erreichte seinen Höhepunkt am Vorabend des Zweiten Weltkriegs und konnte den Krieg, die politischen Regimewechsel und die deutsche Besatzung vergleichsweise unbeeinträchtigt überstehen. Baťas Kontrolle über Zlín endete 1945, die Sozialreformen des Unternehmens wirkten jedoch auch danach weiter. Damit steht die Geschichte von Baťas Menschen in Zlín für einen bemerkenswerten privatwirtschaftlichen Versuch des social engineering und verdeutlicht die Nähe und Verschränktheit radikalen Ordnungsdenkens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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