Im Schatten des Domchors. Der liturgische Chor in den evangelischen Kirchengemeinden Berlins im 19. Jahrhundert
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Tendenzen der Entkirchlichung, Individualisierung und Überalterung wirken sich auf die aktuelle kirchenmusikalische Arbeit in den Kirchengemeinden, insbesondere auf die Chorarbeit, aus. Da mag die Erinnerung an die Entstehung der etablierten Strukturen im 19. Jahrhundert, zu denen die aktive Beteiligung der Gemeindemitglieder an der Liturgie und der stehende Gemeindechor gehören, hilfreich sein, um zu verstehen, von welchen Voraussetzungen das heute scheinbar Selbstverständliche getragen wurde. Untersucht wurde die Situation in der sich rasant entwickelnden Metropole Berlin, in der beharrende und progressive Entwicklungszüge nebeneinanderstanden. Während im kulturellen Gedächtnis nur eine Ausnahmeerscheinung, nämlich der ehemalige Hof- und Domchor (jetzt Staats- und Domchor), haften geblieben ist und die anderen Chöre in den Schatten gestellt hat, war die Chorkultur in Wirklichkeit ausgesprochen vielfältig. Der Kirchenchor, wie er heute besteht, ist als Ergebnis einer staatlich geförderten Reformbewegung zu verstehen, die restaurative und gegenwartsbezogene Facetten in Bezug auf Liturgie, Musik und Frömmigkeit verknüpfte. Dabei waren die Protagonisten in der ersten Jahrhunderthälfte vornehmlich mit der Akzeptanz des liturgischen Chors als notwendiges Mittel der religiösen Verinnerlichung sowie mit der Umwandlung der in krisenhaftem Zustand befindlichen, auf mittelalterliche Traditionen zurückreichenden Kurrenden und Schülerchöre in Gemeindechöre befasst. Im Zusammenhang mit den durch das rasante Wachstum der Stadt notwendigen Gemeindegründungen und Kirchenneubauten setzte sich, nicht zuletzt aus pragmatischen Gründen, in der zweiten Jahrhunderthälfte der gemischte Erwachsenenchor als Normalfall durch. Kinderchöre und (um Männerstimmen ergänzte) Knabenchöre blieben Ausnahmen bzw. die Domäne betont traditionsorientierter Gemeinden. Das Verhältnis von liturgischem Dienst und ästhetischem Anspruch, von freiwilligem Engagement für die Gemeinde und bezahlter Dienstleistung, von Repräsentation und finanziellem Aufwand wurde von Gemeinde zu Gemeinde verschieden eingeschätzt und führte zu unterschiedlichen Erscheinungsformen der Chorarbeit. An den damit verbundenen Herausforderungen hat sich bis heute nichts geändert.
