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Entwicklung der Badekultur in Pompeji: Stabianer Thermen

Fachliche Zuordnung Klassische, Provinzialrömische, Christliche und Islamische Archäologie
Förderung Förderung von 2020 bis 2023
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 441747846
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Die Ausprägung der Badekultur in der römischen Kaiserzeit (ab 31 v. Chr.) wird in der Forschung seit langem umfassend untersucht. Die Vorläufer der spätrepublikanischen Zeit (2./1. Jh. v. Chr.) haben wenig Beachtung erfahren, obwohl mittlerweile im westlichen Mittelmeerraum fast 30 Badeanlagen zumindest partiell freigelegt worden sind. Ein 2015 initiiertes Projekt hatte deshalb zum Ziel, die Geschichte, Entwicklung, Funktion und den soziokulturellen Kontext der beiden ältesten öffentlichen Bäder Pompejis zu untersuchen: der bekannten Stabianer Thermen sowie der kaum erforschten Republikanischen Thermen. Drei Grabungskampagnen in den Stabianer Thermen hatten erlaubt, zentrale Fragen der Chronologie zu klären: so konnten die Bauzeit im Zeitraum nach 130/120 v. Chr. festgelegt und drei modernisierende Umbauphasen identifiziert werden, die mit zentralen historischen Entwicklungen und Ereignissen der Stadt zusammenfallen. Die erste Thermenanlage umfasste auf 2400qm Fläche separate Badetrakte für Frauen und Männer, wobei der Männertrakt deutlich größer und besser ausgestattet und u.a. mit einer Palästra (Sportplatz) versehen war. In einer vierten und letzten, für 2020 geplanten Kampagne sollten Fragen zur Gestaltung und Funktion dieser Palästra, zur technologischen Ausstattung und zum Verhältnis zwischen den Thermen und einem westlich benachbarten Haus geklärt werden, um dann alle Ergebnisse final auswerten und publizieren zu können. Die 2021 durchgeführte Kampagne war so erfolgreich und brachte so unerwartete Ergebnisse, dass 2022 und 2023 zwei weitere Kampagnen durchgeführt werden mussten. Die schon bestehende Kooperation zwischen der Freien Universität Berlin und der University of Oxford konnte 2021 erweitert werden um eine Kooperation mit der Università degli Studi di Napoli. Teams aus Berlin und Neapel haben die Kampagnen 2022 und 2023 durchgeführt, u.a. mit Fieldschools, die im Rahmen eines Erasmus-Abkommens durchgeführt wurden, und 2024 mit einer weiteren Fieldschool ein Folgeprojekt initiiert und bei der DFG beantragt. Als wichtigste Ergebnisse und tatsächlich große Überraschungen lassen sich folgende nennen. In der Palästra der Stabianer Thermen wurden zwei runde Schwitzbäder (Laconica) unterschiedlicher Größe (3,30 und 7,15m Durchmesser) gefunden, die sich als typische Elemente griechischer Palästren/Gymnasien identifizieren lassen und ausschließlich den Männern vorbehalten waren. Die Palästra war somit nicht unglücklich trapezoidal, wie immer angenommen, sondern streng rechteckig und 20 x 40m groß. Sie bot Zutritt zu dem kanonischen Badetrakt mit Apodyterium, Tepidarium und Caldarium im Osten sowie dem Areal mit den Laconica im Westen. Der Plan der Stabianer Thermen ist folglich als ambitiöses Hybrid zu identifizieren, als die experimentelle Kombination zweier unterschiedlicher kultureller und funktionaler Konzepte: einer Palästra mit typischen gymnasialen Badeeinrichtungen, nämlich Laconica, deren Nutzung typischerweise auf Männer beschränkt war, und einem neuen Typus öffentlicher Bäder für Männer und Frauen. Dass der Anschluss der Thermen an die neue städtische Wasserleitung in der augusteischen Zeit (31 v. Chr. – 14 n. Chr.) signifikante Veränderungen im Badeprogramm und der technologischen Ausstattung mit sich brachte, war schon bekannt. Grabungen in den Läden, die die Palästra im Süden flankierten und sich auf Pompejis Hauptstraße (Via dell’Abbondanza) öffneten, haben aber gezeigt, dass in diesem Rahmen die gesamte, reich ausgestattete Tuffquaderfassade der Thermen abgebaut, höhergelegt und neu wieder aufgebaut wurde. Diese Maßnahme lässt sich mit umfangreichen Umbauten im benachbarten städtischen Raum (Abwasserkanal, Straßenpflaster) und der Errichtung eines Ehrenbogens für den wichtigsten zeitgenössischen Bürger Pompejis, Marcus Holconius Rufus, verbinden, der möglicherweise auch für den modernisierenden Umbau der Thermen verantwortlich war. In einem der Läden wurde unter dem neuen Bodenniveau der augusteischen Zeit eine vollständig erhaltene schwangere Schildkröte gefunden. Das Haus unter dem Westtrakt der Thermen konnte als axialsymmetrisches Atrium-Peristyl-Haus rekonstruiert werden, das um die Mitte des 1. Jh. v. Chr. errichtet wurde. Die Größe mit 900qm Grundfläche und die sehr reich gestalteten und hervorragend erhaltenen Zement- und Mosaikböden legen nahe, dass es den luxuriösesten Häusern im zeitgenössischen Pompeji gehörte. Die Ergebnisse der Kampagnen habe ich nicht nur in zahlreichen Vorträgen innerhalb Deutschlands und bei internationalen Konferenzen vorgestellt, sondern sie haben auch in der breiten Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erfahren. Das National Geographic Feature „Hidden Secrets of Pompeii“ wurde während der Kampagne 2021 gedreht. Die 2022 entdeckte Schildkröte wurde in der internationalen Presse (incl. Beiträgen im italienischen Fernsehen und deutschen Radio) intensiv diskutiert, und auch die 2022 und 2023 entdeckten Mosaiken sind in verschiedenen Beiträgen vorgestellt und kommentiert worden.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • Late Republican Baths in Italy: Urban Context and Ownership, Römische Mitteilungen 128, 2022, 268–335
    Trümper, M.
  • Pompei Terme Stabiane: Campagna di 2021, Rapporto preliminare, Rivista di Studi Pompeiani 33, 2022, 200– 207
    Trümper, M. – M. Giglio – M. Robinson – A. Ferrandes – G. Pardini & A. Pegurri
  • The Men’s Tepidarium of the Stabian Baths at Pompeii: Quantification of its Construction and Remodeling Processes, in: D. Maschek – M. Trümper (Hrsg.), Architecture and the Ancient Economy (Rom 2022) 219–256
    Trümper, M. – C. Brünenberg – D. Esposito – Th. Heide & K. Zielke
  • Stabian Baths at Pompeii: Preliminary Report of the 2022 Campaign, Rivista di Studi Pompeiani 33, 2023, 226–235
    Trümper, M. – M. Giglio – A. Ferrandes & A. Pegurri
  • Public Saunas in the Stabian Baths – A Privilege of Men, E-Journal degli Scavi di Pompei 6, 2024
    Trümper, M. – M. Giglio – A. Müller & M. Robinson
  • The Use and Application of SfM-Based Documentation in Excavation and Standing Remains Assessment of the Stabian Baths, Pompeii. The 3 Dimensions of Digitalised Archaeology, 49-67. Springer International Publishing.
    Brünenberg, Clemens; Rummel, Christoph & Trümper, Monika
 
 

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