Kolumbus. Eine Literaturgeschichte des 'Anderen' und des 'Eigenen'
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaft
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Der Seefahrer und Kolonisator Christoph Kolumbus gilt nicht nur als der ‚Entdecker‘ der Neuen Welt und damit als Geburtshelfer der Neuzeit und der europäischen Expansion, sondern auch als Patron der Wissenschaften und des Unternehmergeistes, zudem ist er Zentralperson einiger populärer Mythen (Ei des Kolumbus). Das Forschungsprojekt verfolgt diese Person als Figur durch die Literaturgeschichte. Denn die Figur Kolumbus hat seit je die historische Person überlagert, und während viele biographische Details der historischen Person im Dunkeln liegen, blühen die Zuschreibungen an die literarische Figur seit Jahrhunderten desto farbiger. Es ist die These dieser Arbeit, dass Kolumbus, wie er im kollektiven Gedächtnis unterschiedlicher Gesellschaften verankert ist, vor allem ein Produkt narrativer, in erster Linie literarischer Fiktionalisierung ist. Die Geschichte dieser Fiktionalisierung findet gleichzeitig mit der Geschichte der europäischen Expansion statt. Ohne die Literatur also auf ein bloß reaktives System neben der Geschichte zu reduzieren, unterlegt das Projekt der Literaturgeschichte eine Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte. Es ist zum Beispiel zu beobachten, dass in der Moderne zunächst die Heldenfigur Kolumbus ihren Zenit um die 400-Jahr-Feier der ‚Entdeckung‘ Amerikas auf der Chicagoer Weltausstellung hat, die den Titel ‚World’s Columbine Exhibition‘ trägt, also in dem Moment, in dem die USA als Großmacht aufzutreten beginnen und sich anschicken, die letzten spanischen Kolonien (Kuba und die Philippinen) zu erobern, während andersherum die dezidiert komische Kolumbus-Figur in der deutschen Literatur entstand, nachdem die deutschen Kolonien 1919 verloren gegangen waren. Ohne also eine Gleichsetzung mit historischen Prozessen zu erzwingen, ist es naheliegend, historische Ereignisse in dieser Weise in die literaturgeschichtliche Entwicklung der Kolumbus-Figur einzubeziehen. Andererseits sind es literarische Vorbereitungen, die Kolumbus überhaupt erst dazu prädestinieren, in dieser Weise als Epochensymbol gelesen zu werden. Die idealistischheroische Kolumbus-Figur bei Schiller, die psychopathologische bei Jakob Wassermann sind nicht nur international rezipiert worden, sondern sie ebnen auch den Weg für andere, neue Interpretationen. Natürlich kann eine solche Literaturgeschichte nicht allein germanistisch geschrieben werden; es ist vielmehr notwendig, nationalliterarische Grenzen zu überschreiten. Vor allem werden hier Werke aus der spanisch- und englischsprachgien Literatur einbezogen, ferner auch italienische, französische und jiddische Texte. Es zeigt sich nicht nur eine vielstimmige ‚Arbeit am Mythos‘ Kolumbus, sondern auch eine permanente Auseinandersetzung mit Fragen der Landnahme, der Sklaverei, des Welthandels und der modernen Wissenschaft.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Gerechte Annexion? Kolumbus und Magellan im literarischen Urteil der Zwischenkriegszeit. In: Michaela Holdenried/Anna-Maria Post (Hg.): „Land in Sicht!“ Literarische Inszenierungen von Landnahmen und deren Folgen. Berlin: ESV 2021, S. 73–91.
Hans-Christian Riechers
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Ceuta und Melilla, Städte zwischen den Kulturen. Interkulturelle Germanistik, 207-226. transcript Verlag.
Riechers, Hans-Christian
