Ratgeben und Ratnehmen zwischen Selbst- und Fremdoptimierung. Empirische Rekonstruktionen zur Produktion und Rezeption von Ratgebermedien
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Ratgeber sind zu einem festen Teil der Populärkultur in modernen Gesellschaften geworden. Als von rein informierenden oder unterhaltenden Angeboten abgrenzbare Medien setzen Ratgeber an konkreten Fragen, möglichen Problemen oder Defiziten an und stellen Ratsuchenden und anderen potenziell an einem Thema Interessierten unmittelbare Hilfe und Verbesserung ihrer jeweiligen Situation in Aussicht. Als ‚informelle‘ Beratungsformen sind sie nicht selten niedrigschwellig angelegt, vermitteln Wissen in spezifischen medialen Formen und fordern ihre Nutzer*innen zum Handeln auf. Anders als eine professionsspezifisch abgesicherte Beratung stammen Ratgebermedien allerdings häufig aus nicht-professionell zu bewertenden Kontexten. Im Netzwerk wurden über drei Jahre hinweg und auf vier Arbeitstreffen sowie in einer Arbeitsgruppe, die sich mit Forschungsmethoden und -ethik auseinandergesetzt hat, populäre Ratgebermedien aus verschiedenen Perspektiven erforscht. Grundlegendes Ziel war es, die subjektiven Perspektiven und die Inanspruchnahme der Rezipient*innen (Ratnehmen) sowie Angebote der Produzent*innen (Ratgeben) zu erfassen, um den Forschungsstand um empirische Erkenntnisse über Ratgebermedien insbesondere für Eltern, Lehrkräfte sowie Kinder und Jugendliche zu erweitern. Ergänzt wurde die Inanspruchnahmeperspektive im Netzwerk um die Nutzung von Ratgebermedien durch frühpädagogische Fachkräfte. Sechs Mitglieder des wissenschaftlichen Netzwerks haben auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft 2022 an der Universität Bremen Zwischenergebnisse der Netzwerkarbeit in einem Symposium mit dem Titel „Entgrenztes Wissen? Pädagogische Ratgeber im Fokus der Erziehungswissenschaft“ vorgestellt. Die sich aus dem Netzwerk entwickelte Arbeitsgruppe hat 2023 ein Sonderheft der Fachzeitschrift „Bausteine Forschungsdatenmanagement“ herausgegeben. 2024 ist ein Sammelband mit Beiträgen Der Netzwerkmitglieder unter dem Titel „Empirische Ratgeberforschung. Forschungszugänge und Befunde zu Produktion, Angebot und Inanspruchnahme ratgeberhafter Medien“ erschienen. Mehrere Einzelveröffentlichungen in Fachzeitschriften und Sammelbänden ergänzen die Ergebnisse des Gesamtprojekts. Das Netzwerk hat eigenständige Forschungszugänge und Theorien zu Ratgebermedien entwickelt. Auf der Angebotsseite wurden zahlreiche Analysen zu Ratgebermedien für Eltern, Lehrkräfte und Kinder analysiert – darunter insbesondere buchförmige Ratgeber, aber auch Elternforen, Blogs und die das Onlinenetzwerk Instagram. Auf der Seite der Inanspruchnahme wurden sowohl die Auswahlmotive als auch die Nutzung von Ratgebern durch Kinder, Eltern und frühpädagogische Fachkräfte untersucht. Im Verlauf der Netzwerkarbeit wurde rasch deutlich, dass sich trotz des Wandels der medialen Formate von Ratgebern im 20. und 21. Jahrhundert Gemeinsamkeiten zu traditionellen Ratgeberbüchern zeigen. Hierfür haben drei Studien im Netzwerk, die historisch gewordene Ratgeber untersuchten, Indizien geliefert. Im Ergebnis konnte ein Vorschlag entwickelt werden, wie verschiedene zur Handlung auffordernde mediale Formate als Ratgebermedien eingeordnet werden können. In Bezug auf die Anzahl empirischer Forschungsarbeiten, die Gegenstandsbestimmung im Kontext von Ratgebermedien sowie ihre Identifikationsmerkmale und auch im Hinblick auf methodologische Erkenntnisse hat das Netzwerk einen grundlegenden Beitrag zur Weiterentwicklung eines sich etablierenden sozialwissenschaftlichen Forschungsfeldes geleistet.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Mediale Optimierung der Kindheit?. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 42, 199-216.
Sauerbrey, Ulf & Schick, Claudia
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Pädagogische Rezepte und pädagogische Rezeptkritik. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 98(2), 217-231.
Krüger, Jens Oliver
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Ratgeberforschung in der Erziehungswissenschaft – Stand, Kritik und Perspektiven. Gedanken zu den Beiträgen dieses Heftes. Bildung und Erziehung, 75(3), 337-350.
Großkopf, Steffen
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Wann ist ein Text ein ‚Ratgeber‘? Methodische Anmerkungen für eine mediensensitive linguistische Ratgeberforschung, in: Hennig, M., Niemann, R. (Hrsg.): Ratgeben in der spätmodernen Gesellschaft. Ansätze einer linguistischen Ratgeberforschung, Tübingen: Stau9enburg, 97–129.
Ott, C.
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Wie zeigt sich Zeigen? Sprachhandlungsbasierte Annäherungen an das Pädagogische in Bildungsmedien – Ratgeber, Lehrbuch und Schulbuch kontrastiv. Bildung und Erziehung, 75(3), 280-298.
Ott, Christine
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Besonderheiten des Forschungsdatenmanagements im Kontext von Untersuchungen zu Prozessen des Ratsuchens, Ratgebens und Ratnehmens in Online-Foren, in: Bausteine Forschungsdatenmanagement, (4), 1–11.
Hemmerich, F. & Ruge, W. B.
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Das DFG-Netzwerk „Ratgeben und Ratnehmen“: Ein Zwischen- und Erfahrungsbericht, in: Bausteine Forschungsdatenmanagement, (4), 1–11.
Sauerbrey, U., Großkopf, S. & Vidal, N.
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Optimierte Familienerziehung?. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 62-77.
Sauerbrey, Ulf; Schick, Claudia & Andreeva, Liubov
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„Zwischen den Stühlen“. Spannungsfelder des Datenmanagements im Kontext multidisziplinärer Wissenschaftszweige am Beispiel der Ratgeber-Forschung, in: Bausteine Forschungsdatenmanagement, (4), 1–20.
Homann, N.
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Empirische Ratgeberforschung. Forschungszugänge und Befunde zu Produktion, Angebot und Inanspruchnahme ratgeberhafter Medien. Verlag Julius Klinkhardt.
Sauerbrey, Ulf; Großkopf, Steffen & Ott, Christine (Eds.)
