Olfaktorisch-limbische Verbindung: vom Geruch zum Verhalten
Molekulare Biologie und Physiologie von Nerven- und Gliazellen
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Soziales Verhalten ist ein entscheidender Aspekt des Lebens. Es umfasst sowohl konflikthafte als auch kooperative Interaktionen, die für Gesundheit, Überleben und Fortpflanzung unerlässlich sind. Bestimmte sensorische Reize, insbesondere Geruchsreize, können diese Verhaltensweisen auslösen, allerdings sind die zugrundeliegenden neuronalen Schaltkreise noch weitestgehend unverstanden. In unserem ANR-DFG-Projekt wollen wir gemeinsam mit Dr. Pablo Chamero (Agence Nationale de la Recherche / Nationale Forschungsagentur Frankreich) die molekularen, zellulären und neuronalen Grundlagen des durch den Geruchssinn vermittelten Sozialverhaltens untersuchen. Unser Ziel ist es, herauszufinden, wie Geruchssignale im Gehirn verarbeitet werden, ausgehend von ihrer ersten Erkennung im Riechkolben bis zu ihrer Weiterleitung an Schlüsselregionen, die am Sozialverhalten beteiligt sind. Dabei haben wir einen multidisziplinären Ansatz gewählt, bei dem wir moderne Techniken wie die Zwei-Photonen-Bildgebung, virales „Circuit Tracing“ und „Gen-Targeting“ kombinieren. In unseren Studien wurde untersucht, wie der Geruchssinn soziale Verhaltensweisen, einschließlich der elterlichen Fürsorge, vermittelt und welche Auswirkungen Alterung und Krankheit auf die soziale Geruchswahrnehmung haben. Zu diesem Zweck haben wir in unserem Labor erfolgreich einen Langzeit-Bildgebungsansatz etabliert, der es uns ermöglicht, Geruchssignale aus dem OB durch ein chronisch implantiertes Fenster über mehrere Monate hinweg zu visualisieren. Darüber hinaus wollten wir mit Hilfe von viralen Tracern die neuronalen Schaltkreise identifizieren, die den olfaktorischen Bulbus mit höheren Neuronen des olfaktorischen Kortex, in der medialen Amygdala und im Bed Nucleus der Stria terminalis, verbinden. Wir haben Adenoassoziierte Viren von kommerziellen Anbietern (Addgene) auf ihre Fähigkeit getestet, die relevanten Schaltkreise zu markieren. Das Tracing ausgehend von diesen Hirnregionen war jedoch technisch herausfordernd und lieferte keine reproduzierbaren Ergebnisse, da das AAV Tracing ausgehend von der Amygdala keine ausreichende Anzahl von markierten Zellen im OB ergab. Wir haben daher unser ursprüngliches im Antrag skizziertes Ziel weiterverfolgt und verschiedene Versionen von transsynaptischen Pseudorabies- (PrV) oder Tollwutviren (RV) die genetisch so modifiziert wurden, dass sie für unterschiedliche Kalziumindikatoren (GCaMP) kodieren, getestet. Diese Viren wurden von unseren Kooperationspartnern am Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit in Riems für uns hergestellt. Um die Viren zu validieren, testeten wir zunächst ihre Fähigkeit die klonierten Kalziumindikatoren in vitro in verschiedenen Zelltypen funktionell zu exprimieren. Anschließend bewerteten wir ihre Verwendbarkeit als mögliche in vivo Schaltkreis-Tracer, indem wir ihre Fähigkeit zur selektiven Markierung von OB-Ausgangsneuronen untersuchten, die Geruchssignale an die Amygdala weiterleiten. Die unterschiedlichen GCaMP-exprimierendem PrV Versionen produzierten sowohl in vitro als auch in vivo keine ausreichende Anzahl von infizierten Zellen. GCaMP-exprimierende Tollwutviren zeigten im Vergleich dazu gute Infektionsraten sowie schnelle und ausreichende Kalziumsignale in in vitro Tests. Aufgrund verschiedener extern bedingter Verzögerungen konnten wir die Rabies Viren noch nicht in vivo testen. Ziel dieser Studie war es, die neuronalen und molekularen Mechanismen aufzudecken, die dem olfaktorisch vermittelten Sozialverhalten zugrunde liegen, wobei ein Schwerpunkt auf der elterlichen Fürsorge und den Auswirkungen von Alterung und Krankheit auf die soziale Geruchswahrnehmung lag. Die Ergebnisse zeigen deutliche Fortschritte bei der Erreichung dieser Ziele und bieten wichtige Einblicke in die neuronalen Schaltkreise und sensorischen Wege, die olfaktorisch gesteuertes Sozialverhalten beeinflussen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
-
Editorial: Bottom-Up and Top-Down: Molecules and Circuits That Underlie Chemosensory Behaviors. Frontiers in Cellular Neuroscience, 15.
Chamero, Pablo; Short, Shaina M.; McIntyre, Jeremy C.; Meeks, Julian P. & Rothermel, Markus
-
Cyclic changes of sensory parameters in migraine patients. Cephalalgia, 42(11-12), 1148-1159.
Helfenstein, Carolin; Strupf, Marion; Stefke, Andrea; Fraunberger, Britta; Renner, Bertold; Suchantke, Insa; Rothermel, Markus; Messlinger, Karl; DeCol, Roberto & Namer, Barbara
-
Functional role of the anterior olfactory nucleus in sensory information processing. Neuroforum, 28(3), 169-175.
Medinaceli Quintela, Renata; Brunert, Daniela & Rothermel, Markus
-
Autonomic dysfunction in epilepsy mouse models with implications for SUDEP research. Frontiers in Neurology, 13.
Bauer, Jennifer; Devinsky, Orrin; Rothermel, Markus & Koch, Henner
-
Editorial: New challenges and future perspectives in cellular neuroscience. Frontiers in Cellular Neuroscience, 17.
Arias, Natalia; Panuccio, Gabriella & Rothermel, Markus
-
Natural and Pathological Aging Distinctively Impacts the Pheromone Detection System and Social Behavior. Molecular Neurobiology, 60(8), 4641-4658.
Portalés, Adrián; Chamero, Pablo & Jurado, Sandra
-
Sensing and avoiding sick conspecifics requires Gαi2+ vomeronasal neurons. BMC Biology, 21(1).
Weiss, Jan; Vacher, Hélène; Trouillet, Anne-Charlotte; Leinders-Zufall, Trese; Zufall, Frank & Chamero, Pablo
-
The anterior olfactory nucleus revisited – An emerging role for neuropathological conditions?. Progress in Neurobiology, 228, 102486.
Brunert, Daniela; Medinaceli Quintela, Renata & Rothermel, Markus
-
Human olfaction: odour coding and cross-modal concept representation in single olfactory cortex neurons. Signal Transduction and Targeted Therapy, 9(1).
Beiersdorfer, Antonia; Rothermel, Markus & Lohr, Christian
-
Olfactory deficits in aging and Alzheimer’s—spotlight on inhibitory interneurons. Frontiers in Neuroscience, 18.
Elhabbari, Kaoutar; Sireci, Siran; Rothermel, Markus & Brunert, Daniela
-
Parenting behaviors in mice: Olfactory mechanisms and features in models of autism spectrum disorders. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 161, 105686.
Dudas, Ana; Nakahara, Thiago S.; Pellissier, Lucie P. & Chamero, Pablo
-
Cystic fibrosis alters the structure of the olfactory epithelium and the expression of olfactory receptors affecting odor perception. Science Advances, 11(9).
Caballero, Ignacio; Mbouamboua, Yvon; Weise, Susanne; López-Gálvez, Raquel; Couralet, Marie; Fleurot, Isabelle; Pons, Nicolas; Barrera-Conde, Marta; Quílez-Playán, Nayima; Keller, Matthieu; Klymiuk, Nikolai; Robledo, Patricia; Hummel, Thomas; Barbry, Pascal & Chamero, Pablo
-
Social experience is associated with a differential role of aromatase neurons in sexual behavior and territorial aggression in male mice. Hormones and Behavior, 170, 105723.
Trives, Elliott; Porte, Chantal; Nakahara, Thiago Seike; Keller, Matthieu; Vacher, Hélène & Chamero, Pablo
