Detailseite
Projekt Druckansicht

Konfliktvermeidung und Konfliktbeilegung in Gesellschaften ohne Zentralgewalt. Sozialtheoretische Modelle auf der Grundlage ethnographischer Evidenzen und ihre Relevanz für die Archäologie

Fachliche Zuordnung Ur- und Frühgeschichte (weltweit)
Soziologische Theorie
Förderung Förderung von 2020 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 446715504
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Datengrundlage des Projektes bildeten ethnographische Dokumentationen von Modi des Umgangs mit Konflikten in Gesellschaften ohne Zentralgewalt. Im Zuge der Fallanalysen kristallisierten sich drei Schwerpunkte heraus, die sich wegen der Generalisierbarkeit ihrer Gehalte für eine Übertragung auf urgeschichtliche Gesellschaften als wichtig erwiesen haben. Erstens die Dynamik negativer Reziprozität, der in alternierender Asymmetrie erfolgenden wechselseitigen Schädigung der Konfliktparteien. Negative Reziprozität ist nicht bloß Derivat oder Verfallserscheinung der positiven Reziprozität, sondern gleichursprünglich mit dieser, beide sind inhaltliche Ausgestaltungen einer zugrundeliegenden, universellen strukturellen Reziprozität. Diese beruht der kognitiven Fähigkeit zur Rekursion und hat den Effekt, dass eine Handlungs- oder Interaktionssequenz sich immer wieder selbst aufruft. Wenn in Ermangelung einer Zentralgewalt eine solche Dynamik nicht autoritativ auch gegen den Willen der Konfliktparteien stillgestellt werden kann, bleiben im Wesentlichen zwei Möglichkeiten des Umgangs mit negativer Reziprozität: Zum einen der Versuch, ihre Dynamik von der eigenen Partei abzulenken und in der Logik des Sündenbockmechanismus auf eine Entität zu richten, die selbst nicht in der Lage ist, Rache zu üben, oder zum anderen eine Konversion der negativen Reziprozität in positive – die Struktur der Reziprozität bleibt bestehen, doch die Inhalte wechseln. Das verweist zweitens auf die Bedeutung einer außerhalb der Immanenz der Konfliktdynamik verorteten dritten Person oder Instanz, die in der Lage ist, aus der Beobachterperspektive den Beteiligten die Ausweglosigkeit ihres Handelns zu verdeutlichen, denn subjektiv wollen sie mit ihrer jeweils nächsten Handlung die Dynamik beenden, objektiv schreiben sie diese Dynamik aber eben mit dieser Handlung fort. Im Projekt lag der Schwerpunkt dabei auf Figurationen des Dritten, die von den klassischen Konfliktregelungstypologien in ihrer Fokussierung auf Rollenbeschreibungen personaler und singulärer Dritter ausgeblendet werden, das heißt auf parteiischen Dritten, kollektiv verfassten Dritten sowie „unsichtbaren“, also imaginierten, fiktiven, abwesenden oder antizipierten Dritten. Drittens bildete die Bedeutung materieller Kultur in Kontext der Konfliktbeilegung einen Schwerpunkt. Sie ist vor allem an drei Sequenzstellen der Konfliktbearbeitung relevant: Initial bei der Definition und Einrichtung der Situation, beispielsweise durch ein bestimmtes räumliches Arrangement oder durch Objekte, welche das normative Setting repräsentieren; dann im Verlauf, in dem Objekte die Transformation von negativer zu positiver Reziprozität veranschaulichen können; und schließlich am Ende, wenn es darum geht, das erzielte Ergebnis prägnant und dauerhaft zu symbolisieren.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • Konfliktvermeidung und Konfliktbeilegung in Gesellschaften ohne Zentralgewalt. Negative Reziprozität, Konfigurationen des Dritten und die Bedeutung materieller Kultur. In: M. Jung (Hrsg.), Konfliktvermeidung und Konfliktbeilegung in Gesellschaften ohne Zentralgewalt. Würzburger Studien zur Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie 9 (Würzburg: Würzburg University Press 2024) 11–121
    M. Jung
  • Konfliktvermeidung und Konfliktbeilegung in Gesellschaften ohne Zentralgewalt. Würzburger Studien zur Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie 9 (Würzburg: Würzburg University Press 2024)
    M. Jung (Hrsg.)
 
 

Zusatzinformationen

Textvergrößerung und Kontrastanpassung