Integrierte Verarbeitung unterschiedlicher sozialer Bedrohungen? Eine Untersuchung der Spezifität eines allgemeinen erwartungsbasierten Systems mit elektrophysiologischen Markern
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Unsere sozialen Bedürfnisse (z.B. Zugehörigkeit oder Kontrolle) können im täglichen Leben – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – bedroht werden. Aufgrund der Relevanz dieser Bedrohungssignale wurden zahlreiche Paradigmen entwickelt, um diese einer experimentellen Untersuchung zugänglich zu machen. Dabei wurde jedoch vernachlässigt, dass unterschiedliche Bedrohungssignale möglicherweise in einem gemeinsamen kognitiven System verarbeitet werden – und somit interagieren können. Um diesem theoretischen Modell nachzugehen, modifizierten wir eines der an den häufigsten verwendeten Paradigmen, das Cyberball-Paradigma. Das virtuelle Ballwurfspiel wird üblicherweise zur Bedrohung der Zugehörigkeit eingesetzt. Durch die zusätzliche Implementierung eines ‚Supervisors‘, der in die Entscheidungen der Spieler eingreifen kann, können wir zusätzlich eine selektive Bedrohung des Kontrollbedürfnisses einfügen. In einer Serie von vier Experimenten wurde die Interaktion in der Verarbeitung der Bedrohungen untersucht. Neben den Selbstberichten, die ein valides retrospektives Maß darstellen, verwendeten wir ereigniskorrelierte Hirnpotentiale (EKP) zum Online-Monitoring der Verarbeitung der Bedrohungssignale. Die hohe zeitliche Auflösung erlaubte uns zudem, die Hirnantworten auf die Cues zu trennen, die eine Bedrohung der Bedürfnisse ‚Zugehörigkeit‘ und ‚Kontrolle‘ darstellen. In den ersten Experimenten wurde eine ‚Preexposure‘-Design verwendet, um herauszufinden, ob sich die Verarbeitung einer Bedrohung verändert, wenn kurz zuvor bereits eine andere Bedrohung erlebt wurde. In den EKPs wurde ein reliabler Effekt auf die Ausprägung der P3 Amplitude gefunden, einer Positivierung zwischen 300 und 400ms: Die P3-Reaktion auf Ausschlusssignale war geringer ausgeprägt, wenn zuvor ein Kontrollverlust erlebt wurde. Dies galt auch für die Vertauschung der Reihenfolge der Bedingungen. Aufgrund früherer P3-Befunde nehmen wir an, dass die subjektive Erwartungshaltung durch die Vorerfahrung adjustiert wird. Dieser Prozess scheint in einem gemeinsamen kognitiven System angesiedelt zu sein, welches verschiedene Erwartungen reguliert. Auf den Selbstbericht nimmt der Prozess weniger Einfluss: Dieser ist primär dadurch beeinflusst, ob die erste Bedrohung anhält und sich damit mit der zweiten Bedrohung überlagert): In diesem Fall ist der negative Affekt deutlich stärker ausgeprägt. Ein Aussetzen der ersten Bedrohung führt dagegen zu einer deutlichen Erleichterung in den Selbstberichten. In einem weiteren Experiment wurde untersucht, wie sich die Verarbeitung von Bedrohungssignalen verändert, wenn gleichzeitig eine andere Bedrohung erlebt wird. Im Vergleich zum Preexposure- Design sieht man nun eine deutliche Sensitivierung: Die P3-Amplitude steigt deutlich auf Ausschlusssignale, wenn gleichzeitig ein Kontrollverlust vorliegt, und umgekehrt. Auch hier zeigt sich damit eine Interaktion in einem, gemeinsamen kognitiven Erwartungssystem. In einem letzten Experiment wurde untersucht, wie eine soziale Bedrohung (Kontrollverlust) die Verarbeitung einer anschließenden positiven sozialen Erfahrung (Übereinschluss) beeinflusst. Im Gegensatz zu unserer Hypothese finden wir keine Effekte auf die P3-Ausprägung, was die theoretische Annahme eines Kontinuums des sozialen Zugehörigkeitsgefühls (Ausschluss -> Übereinschluss) in Frage stellt. Zusammenfassend zeigen sie Ergebnisse, dass soziale Bedrohungen nicht unabhängig voneinander verarbeitet werden: Abhängig von der zeitlichen Reihenfolge finden Adjustierungsprozesse statt, die unsere Sensitivität senken oder steigern. Diese Interaktionsmuster sollten berücksichtigt werden, wenn der Effekt von sozialen Bedrohungen auf die mentale Gesundheit untersucht wird.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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From Loss of Control to Social Exclusion: ERP Effects of Preexposure to a Social Threat in the Cyberball Paradigm. Brain Sciences, 12(9), 1225.
Fang, Xu; Yang, Yu-Fang; Kerschreiter, Rudolf & Niedeggen, Michael
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Electrophysiological evidence for sensitization effects elicited by concurrent social threats. Scientific Reports, 13(1).
Niedeggen, Michael; Fang, Xu; Yang, Yu-Fang & Kerschreiter, Rudolf
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Preexposure to one social threat alters responses to another social threat: Behavioral and electrophysiological evidence. Cognitive, Affective, & Behavioral Neuroscience, 24(1), 126-142.
Fang, Xu; Kerschreiter, Rudolf; Yang, Yu-Fang & Niedeggen, Michael
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Electrophysiological and Behavioral Responses to Overinclusion Following Preexposure to Social Threat. Psychophysiology, 62(7).
Fang, Xu; Kerschreiter, Rudolf; Yang, Yu‐Fang & Niedeggen, Michael
