Detailseite
Projekt Druckansicht

Das Settlement-Haus der Reichsuniversität Tokyo: Die Überwindung sozialer Ungleichheit im Japan der Zwischenkriegszeit

Fachliche Zuordnung Asienbezogene Wissenschaften
Förderung Förderung von 2020 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 448891152
 
Erstellungsjahr 2025

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Im Jahr 1923 gründeten Professoren und studentische Aktivisten der Universität Tōkyō in Honjo, einem verarmten Arbeiterviertel der Stadt, ein sog. Settlement-Haus. Die Grundidee war, dass Aktivisten und Hilfswillige dort, in einem von ihnen als „Slum“ wahrgenommenen Teil der Stadt, inmitten derjenigen wohnen sollten, denen sie Hilfe zukommen ließen. Obwohl dieses Settlement-Haus, das bis 1938 in Betrieb war, auch den Charakter einer Wohlfahrtseinrichtung hatte, sollte zugleich eine autonome Arbeiterbewegung geschaffen werden. Der Jura-Professor und Initiator des Settlement Suehiro Izutarō strebte an, dass das Proletariat „gesellschaftliche Missstände durch seine eigene Initiative beheben“ und „unabhängig Ausbeutung bekämpfen“ solle. Das Settlement wurde finanziell unterstützt u.a. vom Kaiserhaus und dem Innenministerium; nichtsdestotrotz waren die meisten dort aktiven Studierenden Marxisten mit Verbindungen zu der linken studentischen Gruppierung Shinjinkai. Die ehrgeizigen Aktivitäten im Settlement umfassten u.a. eine Abendschule für Arbeiter, ein Erwachsenenbildungsprogramm, eine Nachmittagsbetreuung für Schulkinder, einen Hort für Vorschulkinder, kostenlose Rechtsberatung, kostenlose medizinische Versorgung sowie eine Verbraucherkooperative. Darüber hinaus gab es Wohnraum für Studenten der Universität Tōkyō, die so in unmittelbarer Nachbarschaft des Proletariats, somit des revolutionären Subjekts, leben konnten. Im Mittelpunkt der Arbeit des Projekts stand zunächst die Arbeitererziehung als wichtigstes Mittel des Settlement, die Armen der Stadt durch unabhängige Bildungsmaßnahmen aufzuklären und zu mobilisieren. Doch auch die (öffentlichen und privaten) Wohlfahrtsbemühungen der Zeit sowie die marxistischen Ideen (viele der Settler konvertierten in den 1930er Jahren zur Rechten) wurden behandelt. Als wichtigstes Ergebnis des Projekts lässt sich die Erkenntnis festhalten, dass die Parteinahme für das Proletariat in Wort und Tat kein Privileg der Linken war. Zwar ist die Geschichte der Unterstützung der arbeitenden Bevölkerung nicht ohne den Aufstieg und die Hochzeit des Marxismus in Japan von den späten 1910er bis zu den frühen 1930er Jahren zu verstehen, doch machten sich zahlreiche moderate und auch rechte Kräfte dieses Anliegen zu eigen. Die Einteilung der politischen Landschaft in Japan bis 1945 ist damit nicht einfach mit den aus der europäischen Geschichte gewohnten Kategorien zu verstehen; ferner hilft das Augenmerk auf sowohl den Etatismus der japanischen Linken der Vorkriegszeit als auch die Offenheit konservativer Kreise für Anliegen der Arbeiterschaft die große Unterstützung für den japanischen Faschismus verstehen, in dem große Teile des politischen Spektrums die Gelegenheit sahen, den Staat als Agenten sozialen Wandels in ihrem Sinne zu stärken.

 
 

Zusatzinformationen

Textvergrößerung und Kontrastanpassung