Testimoniale Zusicherungen und epistemische Autoritäten
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Nach Ansicht des Projekts hat das Verb „to testify“ im Zusammenhang mit Expertenaussagen einen engen Gebrauch, da Äußerungen in solchen Kontexten einen Akt der Zusicherung beinhalten, der sich – was die normative Kraft angeht, mit der eine Proposition p zum Ausdruck gebracht wird – von der illokutionären Rolle assertiver Sprechakte signifikant unterscheidet. Ziel des ersten Projektbereichs war es, zu zeigen, dass sich dieser enge Gebrauch nicht durch eine spezielle Art von wahrheitsfördernder Autorität in Bezug auf den Inhalt des Sprechakts erklären lässt. Stattdessen wurde zwischen einer wahrheitsfördernden und abschlussfördernden Funktion testimonialer Sprechakte unterschieden und unter Einbeziehung dieser Unterscheidung ein „Inquiry-based Account of Assurance“ (kurz IAA) entwickelt. Dieser Ansatz beinhaltete drei Arbeitsschritte: (i) die Entwicklung eines allgemeinen “Inquiry Framework” der abschlussfördernden Funktion testimonialer Zusicherungen, (ii) die Ausarbeitung einer “Protective View“ epistemischer Verantwortungsübernahme, wonach Zusicherungen präemptierende Gründe liefern, die den Adressaten des Sprechaktes berechtigen, seine Untersuchung zu beenden und (iii) die Implementierung eines „Interactional Account of Illocutionary Practice“, der besagt, dass testimoniale Zusicherungen ein feststehendes Interaktionsmuster präfigurieren, das nicht der Glaubenskoordinierung, sondern der Verteilung epistemischer Rechte und Pflichten dient und das die Sprecherin im Vollzug des Sprechaktes zu reproduzieren versucht. Mit IAA konnten verschiedene Einwände gegenüber testimonialen Zusicherungen zerstreut werden. Im zweiten Projektbereich bestand die Aufgabe darin, unter Nutzung von IAA zentrale Fragestellungen des Zusammenhangs von testimonialer und disziplinärer (bereichsspezifischer) epistemischer Autorität (kurz EA) zu klären. Ein erster Schwerpunkt betraf die Frage der Aufrichtigkeit von Expert-Testimony. Um bestimmte Fehlentwicklungen der laufenden Diskussion zu vermeiden, wurde die Idee eines „Inquiry-based Approach of Selfless Assurance” entwickelt. Demnach sind Zusicherungen aufrichtig, wenn die Sprecherin eine „other-regarding“ tugendhafte Fragestellerin ist, die ihre bereichsspezifische EA dazu nutzt, losgelöst von den eigenen Ansichten dem Adressaten des Sprechaktes zu garantieren, dass er eine kongruente Antwort auf seine Fragestellung erlangt, die ihn berechtigt, die Untersuchung einzustellen. Ein zweiter Schwerpunkt lag auf der Untersuchung nicht-idealer Phänomene der Expert-Testimony. Es wurde gefragt, was es für die wissensvermittelnde Umgebung heißt, wenn die tragende Beziehung zwischen wissenschaftlichen Experten-Gruppen und Laien-Gemeinschaften durch nicht-ideale exogene Faktoren (wie kognitive Verzerrungen der Interaktion, polarisierendes Misstrauen, gruppenfunktionale Arroganz, imitierte oder falsche EAen) geschädigt wird. Im ersten Arbeitsschritt wurde argumentiert, dass derartigen Schädigungen entgegengewirkt werden kann, wenn Expertinnen ihre disziplinäre EA im Sinne von IAA in schützender Funktion einsetzen. In diesem Fall liefern Zusicherungen einen unverfälschten Indikator für eine „other-regarding“ tugendhafte Wissensvermittlerin, auf die sich Laien auch in einer Umgebung mit nicht-abgestimmten epistemischen Interessen verlassen können. Im zweiten Arbeitsschritt wurde untersucht, ob es EAen unter nicht-idealen Bedingungen erlaubt ist, in die Untersuchung anderer Akteure paternalistisch (d.h. zu deren Wohl, aber ohne Zustimmung) einzugreifen. Im Rahmen von IAA wurde ein Ansatz erarbeitet, demzufolge paternalistische Expert-Testimony legitim ist, wenn der Eingriff eine Instanz der komplexen epistemischen Fürsorge ist, dafür zu sorgen, dass die Zielperson ihre intellektuelle Souveränität wiedererlangt und dadurch epistemische Ungerechtigkeit bezogen auf die Perspektive anderer Untersuchungsteilnehmer reduziert wird. Zudem hat sich das Projekt mit dem traditionellen präemptionistischen Ansatz disziplinärer EAen befasst. Dieser lässt sich unter anderem dahingehend kritisieren, dass unklar ist, wie Laien aufgrund von Expert-Testimony Verstehen erlangen. Als Alternative wurde im Rahmen des projektbasierten „Inquiry Framework“ ein reflexives Gleichgewichtsmodell vorgeschlagen, das die verschiedenen nicht-idealen Phänomene berücksichtigt, indem es Verstehen als Prozess modelliert, bei dem alle Elemente des kognitiven Netzwerks, einschließlich epistemischer Ziele und testimonial erlangter Überzeugungen, revisionsfähig sind.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Einführung: Die Corona-Krise als Paradigma einer nicht-idealen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie?. Wissensproduktion und Wissenstransfer unter erschwerten Bedingungen, 13-28. Verlag Karl Alber.
Hauswald, Rico & Schmechtig, Pedro
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Epistemischer Dogmatismus und Arroganz – das Expert*innen-Laien-Verhältnis in nicht-idealer epistemischer Umgebung. Wissensproduktion und Wissenstransfer unter erschwerten Bedingungen, 245-282. Verlag Karl Alber.
Schmechtig, Pedro
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Wissensproduktion und Wissenstransfer unter erschwerten Bedingungen. Verlag Karl Alber.
Hauswald, Rico & Schmechtig, Pedro (Eds.)
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‘Epistemic Paternalism and Protective Authority in a Non-Ideal World’, In: Schmechtig, P., / Hauswald, R. (Eds.). ‘New Waves in the Philosophy of Epistemic Authority and Expert Testimony’, Special Issue of Social Epistemology (September 2024b), 1-17.
Schmechtig, P.
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‘New Waves in the Philosophy of Epistemic Authority and Expert Testimony’, Special Issue of Social Epistemology (September 2024a).
Schmechtig, P. & Hauswald, R. (Eds.)
