Detailseite
Projekt Druckansicht

Liebe und Partnerschaft im Schatten des Krieges. Die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für Vertrautheit, Bindung und Leidenschaft in Paarbeziehungen des Deutschen Reiches, 1914–1925

Fachliche Zuordnung Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung Förderung von 2020 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 449565783
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Im zeitgenössischen Urteil und in der historischen Rückschau galt der Erste Weltkrieg lange Zeit als Auslöser einer Krise der Partnerschaft, der zu einer emotionalen Entfremdung von Paaren und einem Anstieg der Scheidungszahlen führte. Demgegenüber stehen Befunde der Feldpostforschung, welche die psychologische Bedeutung funktionsfähiger Beziehungen in der Ausnahmesituation des Krieges hervorheben. Diese Kontroverse diente dem Projekt Liebe und Partnerschaft im Schatten des Krieges als Ausgangspunkt, um auf breiter empirischer Basis und über das Kriegsende hinaus den Einfluss des Ersten Weltkrieges auf Partnerschaftsdiskurse und Beziehungswirklichkeiten in Deutschland in den Blick zu nehmen. Dabei konnte aufgezeigt werden, dass der Befund einer kriegsbedingten Krise des Zusammenlebens von Mann und Frau, der sich ab dem Jahreswechsel 1914/15 in der deutschen Öffentlichkeit durchsetzte und nach Beendigung des Militärkonflikts weiter festigte, nicht das Ergebnis voraussetzungs- und intentionsloser Gegenwartsanalysen darstellte. Zeitgenössische Interpretationen der Kriegswirkungen aus Politik, Wissenschaft und Kirche waren vielmehr eingebunden in langfristige Auseinandersetzungen um die Ausgestaltung der Gesellschaft und wurden vielfach instrumental eingesetzt, um auf eine Rückkehr zu traditionellen Werten und Strukturen oder auf eine grundlegende Neugestaltung der Gesellschaft hinzuwirken. Auf der Ebene partnerschaftlicher Wahrnehmungen wurden die Kriegs- und Nachkriegsjahre als außerordentliche Belastungsprobe für die betroffenen Soldatenpaare charakterisiert. Über individuelle Erfahrungen von Gewalt und Entbehrung hinaus bedeutete die männliche Kriegsteilnahme einen tiefen Einschnitt im Bereich partnerschaftlicher Kommunikation, Intimität und Lebensbewältigung. Nach Kriegsende erschwerten sozioökonomische Nöte, Zukunftsängste und Nachwirkungen der Kriegserfahrung die Rückkehr in ein gemeinsames Leben. Während des Krieges entwickelten und verfolgten die räumlich und lebensweltlich voneinander getrennten Paare auf emotionaler, sexueller und kognitiver Ebene vielfältige Strategien, um die partnerschaftliche Identität zu stärken und auf diese Weise die Resilienz ihrer Beziehung zu erhöhen. Gleichzeitig traten immer wieder offene Konflikte zutage, die in existenzielle Beziehungskrisen münden konnten. In diesem Bereich zeigt sich auch, wie öffentliche Krisendiagnosen hinsichtlich partnerschaftlicher Untreue und geschlechtlicher Unordnung in das Beziehungsleben eindiffundierten. Partnerschaftsdiskurse und Beziehungserfahrungen sind somit als miteinander verschränkte Sphären zu begreifen, die in einem dauerhaften Verhältnis wechselseitiger Bezug- und Einflussnahme standen.

 
 

Zusatzinformationen

Textvergrößerung und Kontrastanpassung