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Bourdieus Erben. Zur Rückkehr der Klassenfrage in der französischen Gegenwartsliteratur

Fachliche Zuordnung Europäische und Amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften
Förderung Förderung von 2020 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 449669912
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Ziel des Projektes war eine systematische Erforschung der Rezeption des Werkes und Wirkens von Pierre Bourdieu im aktuellen literarischen Feld unter besonderer Berücksichtigung der literarisch-ästhetischen Dimensionen der Texte. Drei Text-Gruppen wurden dazu in den Blick genommen: a) Autosoziobiografien mit direkter Bezugnahme auf Bourdieu, b) Romane, die insbesondere den Strukturwandel in den postindustriellen Randregionen Frankreichs im indirektem Rekurs auf Bourdieu thematisieren und c) Gesellschaftsromane, die Bourdieus Ausführungen zur sozialen Distinktion der bürgerlichen Eliten in zeitgenössische Narrative einbetten. In allen drei Gruppen wurden sowohl die gesellschaftskritischen Diskurse in der Nachfolge Bourdieus als auch die Erzählmodi analysiert, d. h. es ging nicht nur um die inhaltliche Ebene, sondern ebenso um narratologische Aspekte. Hinsichtlich der ersten Gruppe fällt die Zweiteilung in narrative, die (eigene) Lebensgeschichte betreffende Passagen, und in analytische Teile, welche die gleichsam neofeudalen Machtstrukturen des sozialen Raums reflektieren, auf. Bei der Thematisierung des sozialen Aufstiegs spielt auch das autodiegetische Dispositiv der Texte eine wichtige Rolle: Das Ich dieser Texte entspricht dem, was Bourdieu als „habitus clivé“ (2002) bezeichnet hat. Die Aufteilung in erzählendes und erzähltes Ich trägt diesem gespaltenen Habitus Rechnung. Der weitestgehende Verzicht auf auktoriale Erzählstimmen ist auch den anderen beiden Textgruppen eigen. Durch die Wahl von heterodiegetischen Narrationsweisen mit interner Fokalisierung wird eine Innenperspektive inszeniert, die dem Ideal des Flaubert’schen deus absconditus nahekommt, das wiederum Bourdieu zu seinem Werk La misère du monde (1993) inspiriert hat. So wie in den unter a) dargestellten Texten der autodiegetische Fokus instrumentalisiert wird, um den gespaltenen Habitus des Klassenüberläufers narrativ abzubilden, lässt sich für die zweite Gruppe beobachten, dass der personale Fokus mitsamt seiner fingierten Innenschau eine Art Beglaubigungsfunktion des Erzählten übernimmt, um das Elend der Figuren und ihrer Milieus gleichsam ‚ungefiltert‘ wiederzugeben, so wie es Bourdieu mithilfe seiner aus der Bottom-up-Perspektive gestalteten Studie beabsichtigt hat. Der Verzicht auf die auktoriale Erzählweise hat in der dritten Gruppe von Texten wiederum die Funktion, die neuen Klassenkämpfe – im Sinne von Bourdieus Diktum, das Reale sei relational – multiperspektivisch zu rahmen. Dadurch gewinnt die Relationalität von herrschender und beherrschter Klasse deutlich mehr Brisanz.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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