Bourdieus Erben. Zur Rückkehr der Klassenfrage in der französischen Gegenwartsliteratur
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Ziel des Projektes war eine systematische Erforschung der Rezeption des Werkes und Wirkens von Pierre Bourdieu im aktuellen literarischen Feld unter besonderer Berücksichtigung der literarisch-ästhetischen Dimensionen der Texte. Drei Text-Gruppen wurden dazu in den Blick genommen: a) Autosoziobiografien mit direkter Bezugnahme auf Bourdieu, b) Romane, die insbesondere den Strukturwandel in den postindustriellen Randregionen Frankreichs im indirektem Rekurs auf Bourdieu thematisieren und c) Gesellschaftsromane, die Bourdieus Ausführungen zur sozialen Distinktion der bürgerlichen Eliten in zeitgenössische Narrative einbetten. In allen drei Gruppen wurden sowohl die gesellschaftskritischen Diskurse in der Nachfolge Bourdieus als auch die Erzählmodi analysiert, d. h. es ging nicht nur um die inhaltliche Ebene, sondern ebenso um narratologische Aspekte. Hinsichtlich der ersten Gruppe fällt die Zweiteilung in narrative, die (eigene) Lebensgeschichte betreffende Passagen, und in analytische Teile, welche die gleichsam neofeudalen Machtstrukturen des sozialen Raums reflektieren, auf. Bei der Thematisierung des sozialen Aufstiegs spielt auch das autodiegetische Dispositiv der Texte eine wichtige Rolle: Das Ich dieser Texte entspricht dem, was Bourdieu als „habitus clivé“ (2002) bezeichnet hat. Die Aufteilung in erzählendes und erzähltes Ich trägt diesem gespaltenen Habitus Rechnung. Der weitestgehende Verzicht auf auktoriale Erzählstimmen ist auch den anderen beiden Textgruppen eigen. Durch die Wahl von heterodiegetischen Narrationsweisen mit interner Fokalisierung wird eine Innenperspektive inszeniert, die dem Ideal des Flaubert’schen deus absconditus nahekommt, das wiederum Bourdieu zu seinem Werk La misère du monde (1993) inspiriert hat. So wie in den unter a) dargestellten Texten der autodiegetische Fokus instrumentalisiert wird, um den gespaltenen Habitus des Klassenüberläufers narrativ abzubilden, lässt sich für die zweite Gruppe beobachten, dass der personale Fokus mitsamt seiner fingierten Innenschau eine Art Beglaubigungsfunktion des Erzählten übernimmt, um das Elend der Figuren und ihrer Milieus gleichsam ‚ungefiltert‘ wiederzugeben, so wie es Bourdieu mithilfe seiner aus der Bottom-up-Perspektive gestalteten Studie beabsichtigt hat. Der Verzicht auf die auktoriale Erzählweise hat in der dritten Gruppe von Texten wiederum die Funktion, die neuen Klassenkämpfe – im Sinne von Bourdieus Diktum, das Reale sei relational – multiperspektivisch zu rahmen. Dadurch gewinnt die Relationalität von herrschender und beherrschter Klasse deutlich mehr Brisanz.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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„Erfolgsmodell Autosoziobiografie? Didier Eribons literarische Erben in Deutschland (Daniela Dröscher und Christian Baron)“, in: Elisabeth Kargl / Bénédicte Terrisse (Hrsg.): Transfert, transfuge, traduction: la réception de Didier Eribon dans les pays germanophones / Die Rezeption Didier Eribons im deutschsprachigen Raum, in: Lendemains, n°180, S. 51-63.
Schuhen, Gregor
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Abhängen, abgehängt. Prekäre Männlichkeiten, 267-290. transcript Verlag.
Schuhen, Gregor
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Erzählen von Männlichkeit und Prekarität. Prekäre Männlichkeiten, 9-32. transcript Verlag.
Henk, Lars Thorben; Schröer, Marie & Schuhen, Gregor
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Folge 15: Die Ästhetik des Sozialen. Gregor Schuhen, Lars Henk und Lea Sauer über ‚Bourdieus Erben‘“, in: Romanistik Wien: Fabulari. Der Wissenschaftspodcast zu Literatur und Film in der Romania (Okt. 2022).
Schuhen, Gregor; Henk, Lars Thorben & Sauer, Lea
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Prekäre Männlichkeiten. transcript Verlag.
Henk, Lars Thorben; Schröer, Marie & Schuhen, Gregor
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„Spiel’ mir das Lied vom sozialen Tod“. Prekäre Männlichkeiten, 53-74. transcript Verlag.
Henk, Lars Thorben & Myszkowski, Yvonne
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Vom autobiographischen «je» zum sozialen «Je». Renaissancen des Realismus?, 135-154. De Gruyter.
Schuhen, Gregor
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„Édouard Louis’ «J’accuse». Ein spätmoderner Adept Zolas?“, in: promptus (8), 2023, S. 105-120.
Henk, Lars Thorben
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Der Kommissar als Soziologe. Milieu und Habitus in den Maigret-Romanen von Simenon. Kriminalität in Literatur und Medien, 57-73. Springer Berlin Heidelberg.
Schuhen, Gregor
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La popularité des classes populaires – entre sociologie et littérature. lendemains, 48(189).
Henk, Lars Thorben; Sauer, Lea & Schuhen, Gregor
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« À mi-chemin entre littérature et sciences humaines ». L’adaptation du modèle autosociobiographique d’Annie Ernaux dans Comme nous existons (2021) de Kaoutar Harchi. Textes et contextes(19-1).
Henk, Lars Thorben
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„Le carnaval du Louvre in Émile Zolas L’Assommoir (1877). Vom euphorischen ,walk-of-fame‘ zum miserabilistischen ,walk-of-shame‘“, in: Christine Magerski / Christian Steuerwald (Hrsg.): Die ,Drei Kulturen reloaded‘– Literatursoziologie heute. Wiesbaden: VS Springer 2024b, S. 87-104.
Henk, Lars Thorben
