Revival einer Konfliktlinie? Parteienwettbewerb über Religion und Säkularismus in Westeuropa in Zeiten religiöser Pluralisierung
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Bis vor kurzem ging die Politikwissenschaft davon aus, dass die Bedeutung von Religion in der westeuropäischen Politik abnehmen und in der Folge die religiös-säkulare Konfliktlinie innerhalb des Parteiwettbewerbs verschwinden werde. Diese Erwartung beruhte insbesondere auf den seit den 1960er Jahren in Westeuropa stattfindenden Säkularisierungsprozessen. Dennoch deuten die jüngsten Parteikonflikte darauf hin, dass die Frage nach der Rolle der organisierten Religion im öffentlichen Raum weiterhin Konfliktpotenzial zwischen Parteien birgt. Dieses lässt sich vor allem auf die zunehmende religiöse Pluralisierung zurückführen bzw. die Etablierung muslimischer Gemeinschaften und die stärkere Sichtbarkeit ihrer Religion in Gesellschaften, die sich selbst als christlich und/oder säkular verstehen. Folglich umfasst der aktuelle Diskurs nicht nur die Legitimität von Religion(en) im öffentlichen und politischen Raum, sondern auch integrations- oder moralpolitische Themen. Umgekehrt hat die Etablierung des Islam im Parteienwettbewerb Debatten über die grundlegendere Frage nationaler kultureller Identitäten ausgelöst. In diesen Debatten sehen sich sowohl Parteien, die als Vertreter einer „christlichen” Weltanschauung auftreten, als auch ihre „säkularen” Gegenparts gezwungen, sich (wieder oder neu) zu positionieren. Das Forschungsprojekt analysierte den Konflikt zwischen Religion und Säkularismus im westeuropäischen Parteienwettbewerb seit Beginn des 21. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der religiösen Pluralisierung in den letzten 20 Jahren. Die primäre Forschungsfrage, die diese Studie leitete, betrifft das Ausmaß, in dem die Konfiguration religiöser und säkularer Akteure entlang der religiössäkularen, parteipolitischen Spaltung durch Kontinuität oder Wandel gekennzeichnet ist. Es wurden vier westeuropäische Länder ausgewählt, deren politischen Systeme und Gesellschaften ausreichend Gemeinsamkeiten aufweisen, um unterschiedliche Gegebenheiten und Entwicklungen im Parteienwettbewerb auf einige wenige erklärende Variablen zurückführen zu können: Deutschland, die Niederlande, Schweden und Großbritannien. Der Forschungsgegenstand wurde aus einer Mixed-Method-Perspektive beleuchtet: Zunächst wurden Plenarprotokolle aus rund 20 Jahren quantitativ untersucht, um die Issue-Salienz und den Parteienwettbewerb über Religion und Säkularismus zwischen den Ländern aber auch zwischen den Parteien und Parteienfamilien im Zeitverlauf untersuchen zu können. Daneben wurden Experteninterviews mit Abgeordneten und Parteimitgliedern geführt, die sich mit Religion und Säkularisierung beschäftigen (z.B. Sprecher*innen religiöser bzw. säkularer Arbeitsgruppen, Fraktionssprecher*innen usw.), um tiefere Einblicke in die aktuellen Diskussionen der Parteien zum Thema zu erhalten. Die vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass sich die Issue-Salienz im Zeitverlauf geändert und Religion und Säkularismus zunehmende Bedeutung im Parteienwettbewerb erhalten haben. Parlamentsreden von Abgeordneten sowie Interviewaussagen mit Mainstream-Parteien zeigen mehrheitlich, dass eine Konfliktlinie weniger zwischen verschiedenen Religionen (etwa Christentum vs. Islam) gesehen wird, sondern vor allem zwischen religiösen und säkularistischen Positionen. Davon abweichend ziehen rechtspopulistische Parteien eine scharfe Linie zwischen christlicher Religion bzw. dem Säkularismus und dem Islam.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
-
Party competition on Muslims and Islam in Western Europe in times of religious pluralization: The religious-secular cleavage revisited. CES 2022 in Reykjavik (IS)
A. Rose, M. Kortmann & M. Frey
-
Party competition on Muslims and Islam in Western Europe in times of religious pluralization: The religious-secular cleavage revisited. ECPR General Conference 2022 in Innsbruck (AT)
M. Frey, M. Kortmann & A. Rose
-
Legislators, their religiosity, and their parliamentary actions. CPR General Conference 2023 in Prague (CZ)
M. Frey
-
Party competition on religious issues in Western Europe in times of religious pluralization: The religious-secular cleavage revisited. COMPTEXT 2023 in Glasgow (UK)
M. Frey, M. Kortmann & A. Rose
-
Party Competition on the topic of Religion in the Swedish Riksdag between 19991 and 2023. ECPR General Conference 2023 in Prague (CZ)
A. Rose
-
Politicization of religion and secularism in Western European parliaments. ECPR General Conference 2023 in Prague (CZ)
M. Frey, M. Kortmann & A. Rose
-
Politicization of religion and secularism in Western European parliaments. Workshop: Religion, secularism and party politics 2023 in Dortmund
M. Frey, M. Kortmann & A. Rose
-
Who talks about Religious Issues in Parliament. GraPa (Graduate Conference on Party Research) 2023 in Düsseldorf (DE)
M. Frey
-
Let's talk about Religion. Legislators, their Religiosity, and their Parliamentary Speeches. GraPa 2024 in Düsseldorf (DE)
M. Frey
-
Let's talk about religion: Legislators, their religiosity, and their parliamentary speeches. ECPR General Conference 2024 in Dublin (IR)
M. Frey
-
Religion, secularization and party politics - an insight view. DVPW Kongress 2024 in Göttingen (DE)
M. Frey, M. Kortmann & A. Rose
-
Religion, secularization and party politics - an insight view. ECPR General Conference 2024 in Dublin (IR)
M. Frey, M. Kortmann & A. Rose
-
Party competition on Muslims and Islam in Germany – a mixed method approach. ECPR Joint Sessions of Workshops 2025 in Prague (CZ)
M. Frey & M. Kortmann
