Erwerb und Online-Verarbeitung von Diathese bei Kindern mit Spezifischer Sprachentwicklungsstörung: Ist die nicht-aktive Morphologie ein klinischer Indikator?
Einzelsprachwissenschaften, Historische Linguistik
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Sprachentwicklungsstörungen (SES) betreffen etwa 7% der Vorschulkinder und wirken sich auf die schulischen Leistungen, den Bildungsverlauf, die spätere Beschäftigungsfähigkeit und die berufliche Entwicklung der Kinder aus. Sie beeinträchtigen die Kommunikationsfähigkeiten und sozialen Interaktionen. Trotz der hohen Prävalenz ist das öffentliche Bewusstsein für SES geringer als für andere neurologische Entwicklungsstörungen. Daher bleibt SES oft unentdeckt und wird häufig nicht- oder unterdiagnostiziert. Zudem haben sich die meisten Studien zu SES hauptsächlich auf das Englische konzentriert, während Erkenntnisse aus anderen Sprachen eher begrenzt sind. Durch die Auseinandersetzung mit dieser Forschungslücke wird es möglich sein, die grammatikalischen Strukturen zu identifizieren, die in den jeweiligen Sprachen betroffen sind. Im Englischen wurde das Passiv bei Kindern mit SES umfassend untersucht, und es zeigte sich, dass diese Kinder erhebliche Schwierigkeiten mit dem Passiv haben. Das lässt sich daran erkennen, dass sie die grammatische Form des Passivs nur schwer mit der richtigen Bedeutung verknüpfen können (d. h. im Passiv ist das Subjekt des Satzes der Empfänger bzw. das Thema und nicht der Handelnde). Diese Schwierigkeiten beeinträchtigen die alltägliche Kommunikation und die schulischen Leistungen, da Passivsätze Teil der schulischen Fachsprache sind, z. B. in den Naturwissenschaften, in den Nachrichten und in formelleren Aspekten der Kommunikation und des Schreibens. Die vorliegende Studie untersuchte den Erwerb von Verbformen bei Kindern mit SES in einer weniger erforschten Sprache, dem Griechischen, in Bezug auf Verständnis, Produktion und Online-Verarbeitung sowie auf die diagnostische Genauigkeit von Produktionsfehlern. Im Vergleich zum Englischen ist die griechische Sprache komplexer, da die grammatikalische „Passiv“-Form nicht nur eine passive Interpretation zulässt, sondern auch für andere Strukturen wie antikausative und reflexive Konstruktionen verwendet wird. Aufgrund dieser Mehrdeutigkeit wurde erwartet, dass griechische Kinder mit SES große Schwierigkeiten aufweisen würden. An der Studie nahmen sechzig Kinder teil, die an verschiedenen Aufgaben zur Messung von Verbformen, kognitiven Fähigkeiten und sprachlichen Fertigkeiten teilnahmen. Kinder mit SES zeigten im Vergleich zu altersgerecht entwickelten Kindern desselben chronologischen Alters und jüngeren Kindern desselben Sprachalters deutliche Schwierigkeiten mit passiven und antikausativen Verben, die in der „Passiv“-Form stehen. Außerdem wiesen sie eine geringere Leistung im verbalen Arbeitsgedächtnis, Wortschatz und in der Grammatik auf, jedoch eine intakte nonverbale Intelligenz. Die Fähigkeit, die „Passiv“-Form korrekt zu produzieren, korrelierte positiv mit dem verbalen Arbeitsgedächtnis und den Grammatikkenntnissen. Darüber hinaus erwies sich die Produktion der griechischen Verbformen als diagnostisch zuverlässig; passive und antikausative Verben zeigten dabei eine hohe Sensitivität für die Diagnose von Kindern mit SES. Diese Ergebnisse sind für die klinische Diagnostik, den Unterricht und die klinische Praxis besonders aufschlussreich, da sie zeigen, dass die „Passiv“-Form ein klinischer Marker für SES ist und dass spezifische therapeutische und pädagogische Interventionen erforderlich sind, um sowohl die sprachlichen Fähigkeiten als auch das verbale Arbeitsgedächtnis zu stärken.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Voice acquisition in children with Developmental Language Disorder. Annual Meeting of Department of Linguistics (AMGL42), 6-8 May, Thessaloniki. Greece.
Paspali, A.
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Sentence repetition in Greek children with Developmental Language Disorder. International Conference on Greek Linguistics 16 (ICGL16), 14-17 December, Thessaloniki, Greece.
Paspali, A., Papadopoulou, D., Marinis, T., Triantafylla, A., Kyriakidou R. & A. Alexiadou
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Exploring the intersections of Linguistics and Language Teaching: Second Language Acquisition and Developmental Language Disorder. Interview-Podcast with EduDialogues podcast.
Paspali, A.
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Non-active voice in Greek children with Developmental Language Disorder, 12th European Congress of Speech and Language Therapy (ESLA12), 26 - 28 September 2024. Bruges, Belgium.
Paspali, A., Papadopoulou, D., Marinis, T., Varlokosta, S. & A. Alexiadou
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Non-active voice in Greek children with Developmental Language Disorder: evidence from Sentence Repetition. Language Disorders in Greek 9, Athens, Greece.
Paspali, A., Papadopoulou, D., Marinis, T., Varlokosta, S. & A. Alexiadou
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Postdoctoral workshop on Teaching R statistical programming language; 2-4 February, LingLab, Thessaloniki, Greece.
Paspali, A.
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The grammatical skills of children with Developmental Language Disorder at preschool and school age: evidence from Sentence Repetition, 4th Scientific conference of the association of speech pathologists and speech therapists of Greece, 1-3 November 2024, Kalamata, Greece (in Greek).
Paspali, A., Varlokosta, S., Papadopoulou, D., Taha, J., Mountouris, G., Marinis, T. & A. Alexiadou
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When morphology is not enough: The acquisition of voice in monolingual Greek children and bilingual children with Greek as a heritage language. Language Acquisition, 32(3), 297-327.
Paspali, Anastasia; Marinis, Theodoros & Alexiadou, Artemis
