Queer im Pfarrhaus: die pastoraltheologische Relevanz nicht-heteronormativer Lebensformen von Pfarrer*innen
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Im pastoraltheologischen Diskurs ist die Verbindung von individueller Lebensführung und der Entwicklung eigener theologischer Identität von Pfarrer*innen, die sich zu einer der mit dem Akronym LSBTIQ+ bezeichneten Gruppen zählen, mit Ausnahme der Dissertationen von Florence Häneke (2025) und Verena Kroll (im Erscheinen) noch kaum bearbeitet, obwohl seit die ersten öffentlichen ‚Outings‘ von schwulen Pfarrern mit dienstrechtlichen Konsequenzen in 1980er Jahren lange zurückliegen. Aktuelle Debatten um Pfarrbilder innerhalb von Pastoraltheologie und Kirche gelten einerseits Rolle und Verständnis des Pfarramtes in multiprofessionellen Teams, andererseits angesichts abnehmender Studierendenzahlen um eine Reform der Ausbildungswege zum Pfarramt. Konzepte des Lebens und Arbeitens im Pfarramt sind in der Regel Ausdruck der Interessen kirchlich-synodaler Gremien und Erwartungen der Menschen in den Gemeinden vor Ort, die mit der Vorstellung einer vorbildlichen christlichen Lebensführung Amt, Beruf und Person auf Engste verknüpfen und aktuelle gesellschaftlichkulturelle Normen- und Wertediskurse widerspiegeln. Wolfgang Steck bezeichnet das Pfarrhaus als "Idealgestalt integraler religiöser Lebenspraxis" (Steck, 2000). Die Erwartungshaltung an die Authentizität von Pfarrer*innen lastet mitunter schwer auf deren Schultern (Klessmann (2012) spricht vom Pfarramt als "Totalrolle") und die Möglichkeiten individueller Lebensgestaltung deutlich einschränkt. Dennoch wurden Fragen der Lebensform eher in der theologischen Ethik als im Zusammenhang einer Theorie pastoraler Berufe verhandelt. Professionstheoretisch und pastoraltheologisch fragt das Forschungsprojekt nach den (berufs-)biographischen Erfahrungen, die Pfarrpersonen explizit auf ihre sexuelle Orientierung, ihre Genderidentität und/oder Lebensform zurückführen und auf deren (pastoral-)theologische Reflexion. Welchen Einfluss haben eigene Erfahrungen mit Begehren, Coming-out-Prozessen, Partnerschaft und Sexualität etc. auf das theologische Denken und Reden in Verkündigung, Gemeindearbeit und Seelsorge? Wirkt sich der anzunehmende Authentizitätsdruck auf Schwerpunktbildungen im Pfarrberuf aus? Dieses fragende Vorgehen einer kontextuellen und erfahrungsbasierten Theologie verfolgte das Forschungsprojekt, indem es in seinem empirischen Teil leitfadengestützte Interviews mit 15 ordinierten Pfarrer*innen aus unterschiedlichen EKD-Landeskirchen führte, die sich selbst als lesbisch, schwul, bisexuell, pansexuell, transident und/oder queer bezeichnen. Das erhobene Material wurde mittels Dokumentarischer Methode nach Bohnsack im Blick auf die Frage nach möglichen (habituellen) Praktiken der interviewten Pfarrer:innen im Umgang mit heteronormativen Erwartungen und Strukturen im Pfarrdienst untersucht. Erste Ergebnisse der Studie zu den Themen 'Pfarrer:innen als religiöse Subjekte', 'Pfarrer:innen und ihr Verhältnis zu Gemeinde und Kirchenleitungen' sowie Themen aus dem theoretischen Arm des Projekts wurden unter dem Oberthema 'Bedeutung queerer Lebensformen für die professionelle Ausübung des Pfarramts' mit internationalen Expert:innen, Forschenden und pastoral Tätigen sowie in Ausbildung Befindlichen im Rahmen eines Expert:innenworkshops (Sep. 2022) und einer Fachtagung (2023) diskutiert. Dabei galt es einen Raum zu schaffen, in welchem Forschende und Praktiker:innen miteinander konstruktiv-kritisch ins Gespräch kommen. Teilnehmende an der Tagung wurden über den socialmedia-Arm des Projekts gewonnen. Die Ergebnisse der Fachtagung wurden in einem open access-zugänglichen Band unter dem Titel des Forschungsprojekts dokumentiert und veröffentlicht. Es wurden zusätzliche Projekte durchgeführt, um den Zusammenhang zwischen dem individuellen spirituellen Wohlbefinden von LSBTIQ*-Kirchenmitarbeitenden und der Erfahrung von gemeinschaftlicher Akzeptanz oder Diskriminierung zu untersuchen.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Care-Ethik und Care-Ökonomie: Resonanzen zu Elisabeth Conradi und Mascha Madörin in der praktischen Theologie. Sorge – Care, 61-68. Brill | Schöningh.
Roser, Traugott
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Diskriminierungserleben und geistliche Trockenheit. Zusammenhänge von Erleben von Ehrfurcht/Dankbarkeit sowie von Akzeptanz und Wertschätzung in ihrer Religionsgemeinschaft von Menschen aus der LGBTQI+ Community, in: Büssing A., Dienberg T (Hg.), Innehalten. Vom Einfluss ehrfürchtigen Staunens auf das Wohlbefinden, Regensburg: Friedrich Pustet, 69–82
Roser T. & Büssing A.
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gender*/queer. Semantisches Bedeutungsspektrum im kirchlichen Kontext, in: ZPTh 44:1 (2024), 9-26
Judith Könemann & Traugott Roser
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Missbrauch und Exklusion Zur Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf den Pfarrberuf als theologischem Beruf. Christsein 978-3-374-07728-1, 159-172. Evangelische Verlagsanstalt.
Roser, Traugott
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Perception of Acceptance and Discrimination Among the LGBTQI + Community in their Churches and its Association with Spiritual Dryness: Findings from a Cross-Sectional Study in Germany. Journal of Religion and Health, 63(6), 4397-4423.
Büssing, Arndt; Starck, Lorethy; van Treeck, Klaus & Roser, Traugott
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Queer im Pfarrhaus. Queer Studies. transcript Verlag.
Burja, Katrin & Roser, Traugott
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Shameless Pride. Coming-out als evangelischer Entschämungsakt. Freiheit – Liebe – Gelassenheit, 265-276. Evangelische Verlagsanstalt.
Burja, Katrin
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Non/Normative Faith. Peter Lang Verlag.
Wiedlack, Katharina; Birey, Tegiye & de Vries, Patrick
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„Man gesteht – oder man wird zum Geständnis gezwungen.“ (Michel Foucault): Gender- und Lebensformen-Diversität als Thema der Lebenskunst, in: P. Bubmann & T. Roser (Hg.), (Un-)Endlich leben. Theologie im Dialog mit Philosophie, Pädagogik und Therapeutik. Berlin 2025, 167-180
Traugott Roser
