Narrative des Ikonoklasmus. Die Rezeption des Bildersturms in der Kunst der südlichen und nördlichen Niederlande zwischen 1566 und 1830
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Die Untersuchung der Darstellungen des Bildersturms in den nördlichen und südlichen Niederlanden basierte auf der Beobachtung, dass in diesen Gebieten der Ikonoklasmus von 1566 für eine Dauer von etwa 250 Jahren in über 50 Bildern diskutiert wurde. Dieser Tatbestand ließ nach den Gründen der anhaltenden Rezeption und nach den variierenden oder gleichbleibenden Narrativen der Bilder des Bildersturms fragen. Der Ikonoklasmus wurde in den nördlichen Provinzen anhaltend erzählt, weil man ihn schon wenige Jahre nach seinem Ausbruch in die Narration des Aufstands gegen die spanischen Habsburger einschrieb. Als Teil der Revolte wurde er in der sich herausbildenden Republik in die Landeshistoriografie aufgenommen. Im Süden hingen wurde er nach der Loslösung der nördlichen Provinzen und der Wiedereinsetzung der katholischen Habsburger weitgehend verschwiegen und kam im Medium des Bildes nur sporadisch zur Sprache. Die Analyse der Darstellungen und ihres Entstehungskontextes ließ Mechanismen der Erinnerungsgestaltung erkennen und zeigte, welche Voraussetzungen eine dynamische Diskussion bzw. einen Argumentationsstillstand begünstigen. Der intensivste und variantenreichste Diskurs entspann sich in den ersten 60 Jahren, als das Schicksal der ehemals zusammengehörigen Landesteile noch ungewiss war. Als in den südlichen Provinzen der Katholizismus zur einzig anerkannten Konfession und der Aufstand samt Ikonoklasmus von offizieller Seite marginalisiert wurde, entstand dort vorübergehend ein Ersatzdiskurs, der den Sakralraum nur indirekt zur Sprache brachte und stattdessen die Kunstkammer und deren Funktion für das christliche Bild thematisierte. Diese Verlagerung führte zu einer erstaunlich vielfältigen Argumentation. Über lange Sicht jedoch hemmte das Verdrängen des Ikonoklasmus die argumentative Breite, so dass die wenigen entstandenen Darstellungen stets gleiche Aspekte in unterschiedlicher Vehemenz vortragen. Im Norden hingegen führte die Allgegenwart von Darstellungen des Ikonoklasmus in der protestantischen Landesgeschichte zu einem normierenden Stillstand. Die Statik wurde erst wieder aufgebrochen, als aktuelle Ereignisse dem Ikonoklasmus Aktualität verliehen und einzelne katholische Stimmen in den Diskurs einstiegen. Noch im 18. Jahrhundert begünstigten jeweils gegenwärtige politische Umwälzungen, dass neue Gesichtspunkte zur Sprache kamen. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine Diskussion an Vielfalt und Intensität gewinnt, wenn gegenwärtige politische oder gesellschaftliche Situationen in der Schwebe bleiben oder wenn sich die aktuelle Situation gravierend verändert. Eine Konsolidierung der sozio-politischen Lage einerseits und eine Verdrängung des Themas andererseits führen zu einem narrativen Stillstand. Demnach ist in Zeiten der Unsicherheit die Suche nach einem sinnstiftenden Narrativ besonders hoch.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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Narrative des Ikonoklasmus: Das Bild des Bildersturms und die Modellierung der Erinnerung in den südlichen und nördlichen Niederlanden zwischen 1566 und 1800, Berlin 2025
Esther Meier
