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Zwei Seiten derselben Medaille: Öffentliches Vertrauen in Wissenschaft und Vertrauen der Wissenschaftler in Öffentlichkeit

Fachliche Zuordnung Publizistik und Kommunikationswissenschaft
Förderung Förderung von 2021 bis 2025
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 458648062
 
Erstellungsjahr 2025

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Das Projekt wurde unter dem Eindruck der Covid-19-Pandemie konzipiert. Ziel war eine vertiefte Analyse der Entstehung und Struktur von Vertrauen in die Wissenschaft unter Krisenbedingungen (Mannheim) und eine gleichzeitige Untersuchung der Auswirkungen auf das Vertrauen der Wissenschaftler in den Journalismus und die Medienöffentlichkeit (Düsseldorf). Beide Komponenten des Projekts basierten auf einem gemeinsamen theoretischen Modell von Vertrauen. Das Mannheimer Teilprojekt interessierte sich insbesondere für die Risikowahrnehmung gegenüber der Wissenschaft und die damit verbundenen Vertrauenserwartungen gegenüber der Wissenschaft. Ziel war es, die Entstehung von Vertrauenshaltungen gegenüber der Wissenschaft unter Krisenbedingungen zu analysieren. Wir interessierten uns insbesondere für Risikowahrnehmungen gegenüber der Wissenschaft und die damit verbundenen Vertrauenserwartungen. Außerdem wollten wir wissen, welche Gründe zu Vertrauen oder Misstrauen führen. Wir führten rund 35 qualitative Interviews mit Menschen, die eine unterschiedlich positive oder negative Perspektive auf (bestimmte Teile) der Wissenschaft hatten. Vier Ergebnisse lassen sich hervorheben: • Menschen, die der Wissenschaft misstrauen, haben dieselben normativen Erwartungen wie vertrauensvolle Menschen (z. B. „die Wissenschaft sollte bewährtes Wissen liefern“). Der Unterschied zwischen Misstrauen und Vertrauen liegt in der Überzeugung des einzelnen, ob diese Erwartungen (nicht) erfüllt werden. • Neben der bereits bekannten „epistemischen Erwartung“ (Generierung von wahrem Wissen) und der gelegentlich in der Literatur genannten „Erwartung technischer Lösungen“ wurde zusätzlich eine „Orientierungserwartung“ identifiziert. Unklar blieb, ob die von den Interviewten manchmal genannte „Kommunikationserwartung“ ebenfalls eine funktionale Erwartung darstellt oder „nur“ dazu dient, um unterschiedliches Vertrauen in Wissenschaftler*innen zu begründen. • Die unmittelbare Relevanz wissenschaftlicher Erkenntnisse, die Sichtbarkeit von Wissenschaftler*innen und die Beobachtbarkeit des wissenschaftlichen Diskurses führten bei einigen Menschen zu einer starken Haltung des Vertrauens oder Misstrauens. Das Vertrauen in die Wissenschaft sollte daher im Kontext betrachtet werden: Befragte, die im Kontext der Pandemie ein deutliches Misstrauen äußerten, konnten bei anderen Themen und Fragestellungen wissenschaftlichen Akteur*innen vertrauen. • Zwar wurden im Zusammenhang mit der Pandemie vertrauensrelevante Eigenschaften einzelner Wissenschaftler*innen genannt, aber insgesamt schienen systemische Faktoren wie Finanzierung, Arbeitsbedingungen, Kontrollmechanismen und Offenheit gegenüber der Gesellschaft entscheidender zu sein. Anschließend haben wir diese Erkenntnisse in die Entwicklung eines Fragebogens zur Messung des Vertrauens in die Wissenschaft einfließen lassen. Zu diesem Zweck haben wir mehrere Befragungsstudien durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass Vertrauen in die Wissenschaft am besten gemessen werden kann, wenn es in vier Dimensionen unterteilt wird, die alle gleichzeitig wichtig sind: Vertrauen in die Produktion von echtem Wissen, Vertrauen in die Orientierungsfunktion der Wissenschaft, Vertrauen in die technische Lösung von Problemen und Vertrauen in die verständliche Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der entwickelte Fragebogen ist das erste valide Erhebungsinstrument zur Messung von Vertrauen in Wissenschaft. Im Düsseldorfer Teilprojekt wurde zunächst ein mehrdimensionales theoretisches Modell des Vertrauens wissenschaftlicher Quellen in Journalismus entwickelt. Es betrachtet fünf normative Erwartungen an den Journalismus und seine Produktion als den Kern des Vertrauenskonstrukts: die Wahl eines adäquaten Themas, die richtige Auswahl der Fakten, die angemessene journalistische Bewertung, die Korrektheit der Darstellung und einen aufklärerischen Effekt auf das Publikum. Mit der letztgenannten Dimension wird das Vertrauen in die Öffentlichkeit (verstanden als Medienpublikum) zum integralen Bestandteil des Modells. Dieses wurde anschließend in ein Messmodell übersetzt und im Rahmen eines Pretests mit gut 400 Befragten verfeinert und evaluiert. Die finale Wissenschaftlerbefragung beruhte auf einer Stichprobe von mehr als 4.000 ‚Web of Science‘ Autorinnen und Autoren aller Fachrichtungen und Karrierestufen, die zwischen 2019 und 2022 mindestens einen Forschungsbeitrag mit Qualitätssicherungsverfahren veröffentlicht haben und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Angehörige einer deutschen Hochschule oder Forschungseinrichtung waren. Die Umfragedaten zeigen, dass das Vertrauen von Wissenschaftlern in die Nachrichtenmedien stark von der wahrgenommenen Leistung der Medien während der COVID-19-Pandemie geprägt ist. Darüber hinaus lassen sich wesentliche Teile der Varianz in der individuellen Kommunikationsbereitschaft von Wissenschaftlern durch ihr Vertrauen in den Journalismus und das Medienpublikum erklären. Insoweit bestätigt die Umfrage eine zentrale Annahme des Projekts. Das Düsseldorfer Projektteam generierte einen zweiten Datensatz gleicher Qualität, um alternative theoretische Erklärungen für einen COVID19-Effekt auf die Kommunikationsbereitschaft von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu testen (rational choice theory, theory of reasoned action, protection motivation theory). Bisherige Datenanalyse zeigen, dass von allen genannten Theorien ein adäquater Beitrag zur Erklärung der Varianz in der Zielvariable zu erwarten ist.

Link zum Abschlussbericht

https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-106142-3

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

 
 

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