Strategien und Techniken des Hörverstehens migrationsbedingt mehrsprachiger Kinder und Jugendlicher.
Angewandte Sprachwissenschaften, Computerlinguistik
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Trotz der Bedeutung des Hörverstehens für das schulische Lernen und die gesellschaftliche Teilhabe wird diesem Bereich in Forschung und Lehre insbesondere im Kontext der migrationsbedingten Mehrsprachigkeit oft weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Das Projekt „Strategien und Techniken des Hörverstehens migrationsbedingt mehrsprachiger Kinder und Jugendlicher“ fokussiert sich auf mehrsprachige Kinder und Jugendliche, die ihre Sprachen (Deutsch und Russisch) ungesteuert durch alltäglichen Kontakt seit der frühen Kindheit erwerben und erforscht das Hörverstehen und die dafür genutzten steuernden Strategien und Techniken. In dem Projekt wurden drei Hauptziele verfolgt: 1) Untersuchung des Hörverstehens in Familien- und Landessprache, 2) Erfassung des Hörverstehens als komplexen Prozess auf Laut-, Wort-, Satz- und Textebene, und 3) Analyse der Nutzung von Strategien und Techniken während des Hörverstehens. Besonders im Fokus standen die Unterschiede in der Strategie- und Techniknutzung während des Hörverstehensprozesses zwischen Mehrsprachigen und einsprachig Sozialisierten, Unterschiede in der Nutzung der Strategien und Techniken zwischen Familien- und Landessprache, und der Einfluss der Strategie- und Techniknutzung im Vergleich zu sprachlichem Wissen auf den Erfolg des Hörverstehens. Für die empirische Datenerhebung wurden russisch-deutschsprachige Kinder und Jugendliche (n=99) sowie eine einsprachig deutsch sozialisierte Vergleichsgruppe (n=30) untersucht. Die quantitative Auswertung der Ergebnisse zeigt, dass Mehrsprachige im Allgemeinen etwas häufiger Strategien einsetzen als Einsprachige. Es konnten Unterschiede in der Nutzung spezifischer Strategien und Techniken und in der Kategorisierung dieser zwischen den beiden Gruppen identifiziert werden. Es wurde festgestellt, dass die mehrsprachigen Kinder und Jugendlichen im Russischen häufiger Strategien und Techniken nutzen als im Deutschen, wobei sich die Kategorisierung dieser zwischen den beiden Sprachen unterschied. Im Russischen waren interaktive Strategien zur Vorbeugung von Missverständnissen von großer Bedeutung. Im Deutschen war die Vorbereitung auf die Hörsituation stärker ausgeprägt. Weiterhin zeigte sich, dass der Erfolg des Hörverstehens von den Ergebnissen der Sprachkompetenztests (C-Test) beeinflusst wurde. Der Einfluss der Strategienutzung war insgesamt etwas geringer und trug nicht auf allen Ebenen des Prozesses gleichermaßen zum Erfolg des Hörverstehens bei. Die Studie legt den Grundstein für weiterführende Forschung und die Entwicklung didaktischer Maßnahmen zur Förderung des Hörverstehens bei mehrsprachigen Kindern und Jugendlichen. Die Erkenntnisse zeigen, dass die ursprünglich angenommene universelle Klassifikation von Hörverstehensstrategien aus der Fremdsprachenerwerbsforschung sowie eine Unterscheidung in Strategien und Techniken hier nicht anwendbar sind und dass die Strategie- und Techniknutzung im Kontext migrationsbedingter Mehrsprachigkeit sprach- und gruppenspezifisch sein kann. Dies unterstreicht die Notwendigkeit für individuelle und kontextbezogene Ansätze in der Förderung des Hörverstehens.
