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Gelähmte Körper und eingeschränkte Bewegungsapparate – eine diachrone Perspektive auf Im/mobilität in der französischen Literatur (XVII-XXI Jh.)

Antragstellerin Dr. Daniela Kuschel
Fachliche Zuordnung Europäische und Amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften
Förderung Förderung von 2022 bis 2024
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 498269691
 
Erstellungsjahr 2024

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Unter dem Dach der Cultural Disability Studies erschließt das Projekt eine wissens- und kulturgeschichtliche Perspektive auf ‚Lähmung‘ (frz. ‚paralysie‘) anhand deren Thematisierung in der frz. Literatur. Analoge und computergestützte Methoden dienen der Auswertung der Kollektion „Les Classiques de la littérature“ der Frz. Nationalbibliothek (BnF), die neben literarischen Texten eine Reihe an Miscellanea beinhaltet. Die Studie analysiert die konkrete und figurative Dimension des Konzepts ‚Lähmung‘ und deckt auf, wie sich Vorstellungen über Lähmungserscheinungen aus ihren je spezifischen historischen Wissenskontexte speisen, sich im Zeitverlauf verfestigen und zirkulieren. Sie lädt somit einerseits dazu ein, diese Vorstellungen als Konstruktionen zu hinterfragen. Andererseits bietet sie eine Methode an, um gegenwärtige wie zukünftige Auffassungen über Lähmung, Krankheit und Behinderung auf Basis der sie tatsächlich umgebenden Wissenskontexte zu denken. Das sichtbare „Hauptsymptom“, die Bewegungslosigkeit, ist maßgeblich für das Konzept, denn der konkrete, pathologische Sinn speist die kontextvariable figurative Dimension. Diese hat über die Jh. eine wirkmächtige Metaphorik ausgebildet, die wichtig ist, um zu verstehen, wie sich konkrete Realitäten von Krankheit und Behinderung in soziale und kulturelle (Denk-)Strukturen einschreiben. Die gegenseitige Beeinflussung von physischer Realität und Metaphorisierungen, als Praktiken der Ko-Produktion von Wissen, hat der Konsolidierung und Beständigkeit von stereotypen Vorstellungen im Umgang mit Lähmung, die stark von tatsächlichen spezifischen historischen Realitäten abweichen, Vorschub geleistet. Fiktionen tragen in unterschiedlichen Graden zur Konsolidierung derartiger Vorstellungen bei, allerdings gibt das analysierte Korpus auch Aufschluss über (Gegen-)Entwürfe, die zu allen Zeiten den Diskurs zu pluralisieren versuchen. Die Analyse von gelähmten Figuren als fiktionale Verkörperungen von Immobilität zeigt, dass (insbes. für das 19. Jh.) eine Korrelation zur Präsenz von Lähmungserfahrungen in der außerliterarischen Realität vorliegt. Der beobachtete Metapherngebrauch, ist trotz der Kritik des Reduktionismus, wesentlich, da die verhandelten moralischen Fragestellungen (z.B. im Bereich sozialer Verantwortung) oder die kritischen Stellungnahmen zu soziokulturellen und politischen Themen soziale Ordnungsmuster aufdecken. Besonders hervorzuheben sind diejenigen Texte, die über den Metaphern-Status hinausreichen und die tatsächlichen Konditionen der körperlichen und sozialen Immobilität verhandeln. Diese erscheinen als Vorausdeutungen auf die im 20. Jh. aufkommende direkte Thematisierung von Lähmung als Behinderung. Mit zunehmender Verschiebung weg von einem fatalistischen Krankheits- hin zum Behinderungsdiskurs verändert sich der poetologische Stellenwert: vom Motiv wird Lähmung zum Thema erhoben, das im Laufe der Zeit und im Zusammenhang mit anderen gesellschaftlichen Diskursen häufiger politisiert wird.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • "Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht. Eine Analyse von Lähmungsdarstellungen in sechs französischsprachigen Comics”, Vortrag auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Comicforschung, Göttingen, 11.-13. Dezember.
    Daniela Kuschel
  • Diskurs- und Motivgeschichte mit Methoden der Digital Humanities? Ein Versuch die Präsenz und Funktion von Lähmung und Im/mobilität in der französischen Literatur (1750-1914) zu erforschen. Vortrag im Rahmen des interdisziplinären literaturwissenschaftlichen Kolloquiums, Universität Marburg, 15. Juni
    Daniela Kuschel
  • „Potentialisierte Wirklichkeitsräume und die Dekonstruktion von stereotypen Behinderungsbildern”, Vortrag auf dem XXXVIII. Romanistentag in Leipzig, 24.-27. September
    Daniela Kuschel
  • „Romanfiguren mit Locked-In-Syndrom“, Blogbeitrag in: Images of Disability. The blog of the research project „Narrative, Expectation, Experience“, 18. Dezember.
    Daniela Kuschel
 
 

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