Concentus ex dissonis? Untersuchungen zur Ästhetik und Ästhetisierung des spätantiken lateinischen Literaturbetriebes bei Macrobius, den Vergilkommentatoren und den Grammatici Latini.
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Die Literatur der Spätantike (3.–6. Jh.) entsteht in einer fortwährenden Auseinandersetzung mit der ihr zugrundeliegenden literarischen Tradition der griechisch-römischen Antike. Verbunden damit positioniert sie sich auch in Diskursen, die außerliterarische Felder wie Bildung, Fachwissen und Kult bzw. Religion betreffen. Neue Akteure aus römischer Oberschicht und dem Umfeld der Kirche adaptieren besonders im Bereich der Bildung Techniken und Strategien aus Textsorten, die bisher v.a. im Schulbetrieb (Grammatik und Rhetorik) genutzt worden sind, um zeitgenössische Produktions- und Rezeptionsgewohnheiten von Literatur zu bedienen. Darunter zählen Kompendien, Lexika, Kommentare und andere, komplexere Formen von textuellen Wissensspeichern, die in der älteren Forschung, oft auch in abschätziger Weise, als Miszellenliteratur oder Auxiliartexte bezeichnet wurden. Vor diesem Hintergrund wurden sie zumeist als Gegenstand der Quellenforschung genutzt, um etwa Fragmente sonst verlorener früherer Texte, auf die sie Bezug nehmen, zu gewinnen. Die jüngere Forschung zur spätantiken Literatur hat diese Suche nach den verborgenen Substraten früherer Literaturepochen um eine Perspektive ergänzt, die o.g. Textsorten nicht als reine Container wahrnimmt, sondern ihre eigene Textualität sowie Bedingungen und Absichten in den Blick nimmt. Während besonders die Dichtung und Kunstprosa der Epoche bereits große Aufmerksamkeit erhalten haben, steht eine solche Betrachtung für o.g. Texte noch aus. In der Folge dieses Perspektivwechsels zielte das Projekt auf die Vorbereitung einer systematischen und textübergreifenden Untersuchung der Ästhetik und Poetik der o.g. Texte. Kernthese war, dass durch eine Analyse der Texte als integralem Teil der spätantiken Literaturproduktion neue Erkenntnisse ermöglicht werden. Dabei wurden drei Kernpunkte verfolgt: 1: Es wurde von der Annahme ausgegangen, dass eine literaturwissenschaftliche Analyse zugrundeliegende Elemente einer spätantiken Ästhetik herauspräparieren kann, die bisher zugunsten der Konzentration auf die hypotextuelle Ebene vernachlässigt worden ist. So konnte ein Schwerpunkt auf die genuin spätantiken Phänomene literarischer Ästhetik gelegt und am Text nachgewiesen werden. Dies geschah in systematischen Analysen von Textstrukturen auf Mikround Makroebene. 2: Eine weitere wesentliche und innovative Perspektive des Projekts bestand in der Betrachtung des Spannungsfeldes zwischen Produktion und Rezeption von Literatur, das in den Texten wesenhaft etabliert wird. Besondere Aufmerksamkeit galt Phänomenen, die in der literarischen Kommunikation zwischen Autor und Rezipient den jeweiligen Anteil an der Textkonstitution verhandelt. Dabei wurde gezeigt, dass die Grenzen zwischen beiden Polen programmatisch verschwimmen. 3: Eng mit den oben umrissenen Interaktionen von Produktion und Rezeption spätantiker Literatur in den Texten des Corpus war die Frage nach der programmatischen Unklarheit des ontologischen Status der Texte. Dieser Punkt wurde vor dem Hintergrund der Gegensatzpaare Text und Intertext, Markierung und Verschleierung, Fragment und Ganzem entwickelt. In diesem Ansatz zeigte sich ein wesentlicher Vorteil im Vergleich mit bisherigen globalen Interpretationen, die die an sich polyvalenten Texte auf einzelne Deutungslinien reduziert haben. Diese Oszillation wurde dabei als zentrales Element der Ästhetisierung der Kommunikation zwischen Autor und Rezipient identifiziert.
