Die lateinischen Viten der 'trans(vestite) saints' im Kontext
Zusammenfassung der Projektergebnisse
Das Projekt untersuchte Vorstellungen von Geschlecht und Heiligkeit im frühmittelalterlichen lateinischen Westen anhand der lateinischen Vitae von monachoparthenoi (wörtlich "Mönchs-Jungfrauen"), die oft auch als "transvestitische Heilige" bezeichnet werden. Es handelt sich hierbei um Heilige, die zu Beginn ihrer Vita als weiblich beschrieben werden, aber im Rahmen einer asketischen/monastischen Konversion eine männliche Identität annahmen. Viele dieser im griechisch-sprachigen östlichen Mittelmeerraum entstandenen und weit verbreiteten Erzählungen wurden ins Lateinische übersetzt - oft mehrfach. Während sich aber die wissenschaftliche Debatte bisher auf die griechischen Originale (und späteren volkssprachlichen Übersetzungen) konzentrierte, blieben die lateinischen Versionen weitgehend unerforscht. Dieses Projekt schloss diese Lücke, indem es analysierte, wie westliche Schreiber diese Texte durch Prozesse der réécriture (Wieder-Schrift) an die Bedürfnisse neuer Zielgruppen anpassten. Einige lateinische Autoren versuchten, die Protagonist*innen eindeutig als weiblich zu definieren, während andere die geschlechtliche Transition nicht problematisierten. In mindestens zwei Fällen wurden Übersetzungen identifiziert, die die geschlechtsspezifischen Interpretationen früherer Versionen ausdrücklich zurückwiesen, was auf umstrittene Auffassungen von Geschlecht und Heiligkeit im lateinischen Westen hinweist. Das Projekt kombinierte quantitative und qualitative Methoden und legte die Grundlage für eine Datenbank, die den Inhalt aller vor dem 13. Jahrhundert produzierten Manuskripte dieser Viten katalogisiert, um die Kontexte analysieren zu können, in denen diese Texte überliefert sind. Diese Analyse ist besonders relevant angesichts der gegenwärtigen zunehmenden Sichtbarkeit von und oft gewaltsamen Reaktionen auf trans Identitäten. Die Ergebnisse illustrieren, dass Debatten über Geschlechtsidentität und -transition keine modernen Phänomene sind. Mittelalterliche Schreiber setzten sich mit ähnlichen Fragen auseinander, indem sie manchmal (freilich erfolglos) versuchten, starre Geschlechterbinaritäten in diese Texte einzufügen, ebenso häufig jedoch die Transzendenz von Geschlechtergrenzen, die diesen Erzählungen innewohnt, als unproblematisch oder sogar positiv darstellten. Durch die Aufdeckung dieser Dynamiken liefert das Projekt einen tieferen Kontext für gegenwärtige Diskussionen über Geschlechtlichkeit und erweitert gleichzeitig unser Verständnis davon, wie Geschlecht, Heiligkeit und Textualität im Mittelalter verhandelt wurden.
Projektbezogene Publikationen (Auswahl)
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I, monster: queerness and the Liber Monstrorum in early medieval St Gall. Early Medieval Europe, 32(4), 543-564.
Eber, Michael
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Trans Saints in Context, or: What counts as one manuscript?, in: Digital Palaeography
Eber, Michael
