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Selbsterziehung zur Tugend. Die stoische Konzeption des Tugenderwerbs (TP 1)
Antragstellerin
Professorin Dr. Anna Schriefl
Fachliche Zuordnung
Geschichte der Philosophie
Förderung
Förderung seit 2026
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 539990504
Die Stoiker beschreiben ethischen Fortschritt und Tugenderwerb wiederholt als Sich-selbst-Formen und als das Formen der eigenen Seele. Entsprechende Formulierungen finden sich in den Texten der römischen Stoiker sowie in den Zeugnissen über die hellenistischen Autoren. Ziel des hier skizzierten Vorhabens ist es, ausgehend von diesen Formulierungen die stoische Konzeption des Tugenderwerbs anhand des Begriffs der Selbstformung zu rekonstruieren. Der Begriff der Selbstformung hebt dabei ein zentrales Element der stoischen Ethik hervor, das mit weiteren Grundsätzen der stoischen Philosophie verbunden ist, u. a. mit der Ansicht, dass ethischer Fortschritt "von uns" abhängt (eph’ hêmin, in nostra potestate), und dass dieser mit physischen Veränderungen der (körperlich verstandenen) Seele einhergeht. Die stoische Konzeption der ethischen Selbstformung wirft jedoch Fragen zur "Machbarkeit" auf: Einerseits ist den Stoikern zufolge Selbsterziehung allen Menschen möglich, ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Geschlechts und weiterer unverfügbarer Faktoren. Andererseits beschreiben die Stoiker den Tugenderwerb als äußerst anspruchsvollen Prozess, der - wenn überhaupt - nur in Ausnahmefällen gelingt. Daher soll systematisch untersucht werden, welche Bedingungen aus stoischer Sicht die ethische Selbstformung ermöglichen oder erschweren und welche Grenzen ihr gesetzt sind. Im Zentrum stehen folgende Fragen: (1) Wie verhält sich das Ziel ethischer Selbstformung - die Tugend - zur Vielfalt möglicher Lebensformen, die von sozialen Rollen, dem Geschlecht und individuellen Eigenschaften oder Umständen abhängen? Diesbezüglich sollen Indizien zur Variabilität des stoischen Tugendbegriffs untersucht werden, die sich u. a. in Überlegungen zu sozialen Rollen, der Konzeption von Expertenwissen und der Ablehnung platonischer Ideen finden. (2) Inwiefern und auf welche Weise tragen soziale Beziehungen zur ethischen Selbstformung bei? Die Stoiker betonen neben der Verantwortung des Einzelnen für die Selbsterziehung auch die positive Wirkung von Vorbildern, Belehrungen und gemeinschaftlichem Lernen. Daher soll untersucht werden, ob und inwiefern soziale Beziehungen aus stoischer Sicht die ethische Selbstformung begünstigen oder sogar notwendige Bedingungen für sie darstellen. (3) Wie konzipieren die Stoiker Selbstformung auf physikalischer Ebene? Die Stoiker können auch deswegen von Tugend als "geformter" Seele (Diog. Laert. 7.89) und von Selbsterziehung als "Gestalten" und "Formen" der Seele (Sen., Epist. 94.48; 50.5-6) sprechen, weil sie die Seele als körperliche Entität verstehen, die sich durch ethischen Fortschritt physisch verändert. Wie die Stoiker die relevanten physikalischen und kausalen Mechanismen im Detail verstehen, ist jedoch nicht unmittelbar klar. Untersucht werden soll, auf welche Weise die durch Texte und Gespräche vermittelten philosophischen Inhalte kausal auf die Seele einwirken und ihren physischen Zustand verbessern können.
DFG-Verfahren
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