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Soziale Netzwerke in der Gesellschaft der Fremden. Die Entdeckung sozialer Konnektivität in Frankreich, den USA und Deutschland (1860-1940)
Antragsteller
Dr. Christoph Streb
Fachliche Zuordnung
Neuere und Neueste Geschichte (einschl. Europäische Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte)
Förderung
Förderung seit 2025
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 570921386
Soziale Netzwerke gelten heute oft als Grundelemente aller Gesellschaften. Allerdings kann man diese Vorstellung selbst als Wissensphänomen historisieren: Nicht vor dem späten 19. Jahrhundert bildete sich unter den Eliten westlicher Staaten ein explizites Bewusstsein für mannigfaltige, sich überkreuzende Beziehungsnetze zwischen Individuen heraus. So unterschiedliche Dokumente wie sozialpsychologische Fachpublikationen, Benimmratgeber oder private Adressbücher beschrieben jetzt die soziale Welt, indem sie Konnektivität als eigenständiges Phänomen auffassten. Soziale Netzwerke sind aus wissensgeschichtlicher Perspektive also weniger universell, als es scheint - sie wurden um 1900 entdeckt. Das Forschungsprojekt untersucht diese Entdeckung sozialer Konnektivität in Frankreich, den USA und Deutschland im Zeitraum zwischen 1860 und 1940. Es arbeitet einerseits die Gründe heraus, die erklären, warum Wissen über soziale Konnektivität für die Zeitgenoss:innen plötzlich plausibel wurde. Andererseits fragt das Projekt nach den Funktionen, die dieses Wissen erfüllte, und öffnet so den Blick für seine Konsequenzen. Drei empirische Fallstudien schließen das Thema für diese Leitfragen auf. Die erste, Sozialpsychologien (1), wertet sozialwissenschaftliche Texte der Zeit auf Theorien interpersonaler Beziehungen aus. Die zweite, Verhaltenslehren (2), untersucht Benimmratgeber, die praktische Leitlinien für soziale Interaktionen in einer scheinbar immer komplexeren Welt formulierten. Die dritte Fallstudie, Kontaktmanagement (3), untersucht das Medium des privaten Adressbuchs, das die zunehmend unübersichtlichen Sozialkontakte moderner Großstädter in übersichtlichen Verzeichnissen ordnete. Die Leithypothesen richten sich auf Ursprünge und Konsequenzen des untersuchten Phänomens: Wissen über soziale Konnektivität wurde erst gegenüber einer Problematisierung der Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts plausibel; es erfasste aber die soziale Welt nicht nur, sondern formulierte auch Verhaltensnormen. Mechanismen der Individualisierung hatten neue lebensweltliche Situationen produziert, auf die vor allem bürgerliche Eliten mit Befürchtungen vor sozialer Atomisierung reagierten. Erst in der „Gesellschaft der Fremden“ (James Vernon) erlangte das Bild der sozialen Vernetzung Relevanz als Strukturmuster. Wer auf Netzwerke setzte, hielt dann zwar die individuelle Freiheit hoch, verpflichtete die Menschen aber auch zur Beziehungspflege und damit auf die Gesellschaft. Ungleichheiten wurde dabei ignoriert, Konflikte waren nicht vorgesehen. Das Forschungsprojekt zielt auf einen wissensgeschichtlichen Beitrag zur Historisierung der Netzwerk-Gesellschaft. An Stelle einer Geschichte immer weiter fortschreitender Vernetzung, in der die Kategorie des Netzwerks keine Grenzen kennt, fasst es Netzwerke enger und historischer entlang von konkreten Wissensphänomenen. So soll klarer werden, wie „Netzwerk“ und „Gesellschaft“ zusammenkamen und was das genau bedeutet.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
