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"Mila na ntsi" und "la démocratie": Alternative politische Systeme auf den Komoren-Inseln
Antragsteller
Dr. Iain Walker
Fachliche Zuordnung
Ethnologie und Europäische Ethnologie
Afrika-, Amerika- und Ozeanienbezogene Wissenschaften
Afrika-, Amerika- und Ozeanienbezogene Wissenschaften
Förderung
Förderung seit 2025
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 571915249
Das Projekt zielt darauf ab, ein besseres Verständnis für Diskurse und Praktiken an der Schnittstelle von gewohnheitsrechtlichen und westlichen Systemen kolonialen Erbes zu entwickeln. Damit sollen außereuropäische Perspektiven auf die Welt verstanden werden. Postkoloniale Staaten haben sich angeblich gerechteren internationalen Normen der demokratischen Regierungsführung angepasst. Allerdings haben die politischen Verschiebungen nach 1989 und die wachsende Erkenntnis, dass alternative politische Systeme möglich sind, viele postkoloniale Staaten dazu veranlasst, die kolonialen Normen der Staatsführung in Frage zu stellen und sich (wieder) den Gewohnheitssystemen zuzuwenden, indem sie das Gewohnheitsrecht formell in den politischen Prozess einbeziehen, insbesondere auf lokaler Ebene, sowohl in Afrika als auch anderswo. Die derzeitige Anfechtung vieler Grundprinzipien der Weltordnung kann diesen Prozess nur beschleunigen. Auf den Komoren wird das politische Gewohnheitsrecht kollektiv anerkannt und erfolgreich in der lokalen Verwaltung umgesetzt. Diese Anerkennung ist nur möglich, weil die Grundsätze, auf denen diese Systeme beruhen, allgemein bekannt sind und von allen geteilt werden: “mila na ntsi”, was so viel bedeutet wie “Tradition und Land”. Dieser Rahmen legt soziale Normen fest und liefert Parameter für die Praxis. Obwohl das Gewohnheitsrecht oft wirksamer ist als sein westliches Pendant, ist es formell von der staatlichen Tätigkeit ausgeschlossen. Die politischen Elemente des Gewohnheitsrechts können nur informell neben den formellen, auf westlichen demokratischen Prinzipien beruhenden politisch-rechtlichen Systemen funktionieren. Die Komorer kritisieren es oft wegen seines undemokratischen Charakters. Das Gewohnheitsrecht könnte jedoch das formale politische System ersetzen. In diesem Projekt werden die Gründe untersucht, warum Komorer politische gewohnheitsrechtliche Systeme formell nicht unterstützen. Warum wird das Gewohnheitsrecht abgelehnt, obwohl es nachweislich effizient funktioniert? Die künstliche Trennung von Politik und kultureller Praxis sowie der Gegensatz zwischen "Tradition" und "Moderne" auf den Komoren werden untersucht. Es wird geprüft, ob die Ablehnung des lokalen Gewohnheitsrechts ein Produkt der komorischen Weltanschauung ist, die die komorische Kultur als Tradition und die europäische Kultur als Moderne ansieht. Zur Problematisierung postkolonialer Begegnungen wird das Konzept der Mimesis herangezogen. Wir werden die Lebensperspektiven der Komorer hinterfragen und in Weiterentwicklung von Bourdieus Konzept der illusio und der Idee des gespaltenen Habitus untersuchen, ob und wie die Komorer sich vorstellen, dass die üblichen Praktiken ihnen eine bessere Zukunft bieten.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
