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Umstrittene Welten auf den Straßen: Netzwerke, Mobilitäten und Zugehörigkeit von Uber- und Taxifahrern in Berlin und Istanbul
Antragsteller
Dr. Muhammet Esat Tiryaki
Fachliche Zuordnung
Empirische Sozialforschung
Förderung
Förderung seit 2026
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 577355948
Dieses Projekt untersucht, wie Mobilitäten und Zugehörigkeit unter der Plattformökonomie neu konfiguriert werden, indem es die alltäglichen Praktiken von Uber- und Taxifahrern in Berlin und Istanbul analysiert. Es argumentiert, dass in der Plattformstadt Algorithmen Mobilitäten organisieren, und Mobilitäten wiederum bestimmen, wie Zugehörigkeit erlebt und ausgehandelt wird. Ausgehend von der Soziologie der Mobilität und der Forschung zu Plattformarbeit werden drei Kernfragen behandelt: 1) Wie navigieren und appropriieren Uber- und Taxifahrer den städtischen Raum durch Mobilitätspraktiken, die ihre Zugehörigkeit prägen? 2) Wie unterscheiden sich diese Erfahrungen in zwei kulturell und institutionell unterschiedlichen Städten? 3) Wie fordern Plattforminfrastrukturen staatszentrierte Mobilitätsregime heraus, verdrängen oder integrieren sich in diese und rekonfigurieren damit die Politik der Mobilität? Die Mobilitäten von Uber-Fahrern werden durch opake, global vernetzte algorithmische Systeme organisiert, die Zonen bewerten, Arbeit verteilen und Sichtbarkeit sowie Interaktion vermitteln. Taxifahrer hingegen agieren innerhalb gewachsener kommunaler Infrastrukturen—geprägt durch Lizenzsysteme und regulierte Tarife, aber auch durch die sich verschiebenden Mobilitäten von Uber-Fahrern, die den städtischen Raum und die Nachfrage algorithmisch neu definieren. Diese gegensätzlichen Regime strukturieren, wie Fahrer zirkulieren, warten und arbeiten—und wie sie im städtischen Raum wahrgenommen, reguliert und anerkannt werden. Theoretisch baut das Projekt auf dem „new mobilities paradigm" (Sheller und Urry, 2006) auf, das Mobilitäten als relational und verkörpert begreift, anstatt sie lediglich als räumlich oder infrastrukturell zu verstehen. Berlin und Istanbul bieten einen strategischen Vergleichsrahmen über unterschiedliche politische und regulatorische Kontexte hinweg. In Berlin bilden Uber- und Taxifahrer innerhalb eines regulierten Rahmens distinkte Arbeitsklassen. In Istanbul ist Uber keine eigenständige Arbeitsklasse, sondern wird als Identität innerhalb der bestehenden Kategorie der Taxifahrer übernommen. Diese Unterschiede zeigen, wie transnationale Plattformen lokal angepasst, bestritten und ausgehandelt werden. Methodisch verwendet das Projekt ein vergleichendes Mixed-Methods-Design: 1) ethnographische Feldforschung—einschließlich teilnehmender Beobachtung, Go- und Ride-Alongs sowie Interviews; und 2) räumliche Netzwerkanalyse zur Nachverfolgung der täglichen Routen, Wartemuster und Zirkulationsrhythmen der Fahrer. Das Projekt argumentiert, dass Plattformarbeit neue, oft widersprüchliche Formen von Zugehörigkeit hervorbringt—geprägt durch Begegnungen mit Fahrgästen, Plattformen und städtischen Räumen wie Straßen, Knotenpunkten und informellen Wartezonen. Diese Interaktionen erzeugen Reibungen zwischen digital vermittelten und traditionellen Arbeitsformen und verdeutlichen die Notwendigkeit einer arbeitssoziologischen Perspektive, die Prekarität, Informalisierung und strukturelle Ungleichheit berücksichtigt. Letztlich verortet das Projekt die Erfahrungen von Uber- und Taxifahrern in Berlin und Istanbul, um zu verstehen, wie Plattformökonomien Mobilitäten, Zugehörigkeit und Arbeitsbeziehungen unter divergierenden regulatorischen Bedingungen neu organisieren.
DFG-Verfahren
Stelle
