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Speichern und Auskommen. Der Getreidekasten des Regensburger St. Katharinenspitals (17.-19. Jahrhundert)

Fachliche Zuordnung Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Förderung Förderung von 2015 bis 2019
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 275770760
 
In der vormodernen Wirtschaft gehörte die Vorratshaltung von Nahrungsmitteln zu den überlebenswichtigen Aufgaben sowohl des einzelnen Haushalts als auch der Gesellschaft. Angesichts der überragenden Rolle von Getreide für die Ernährung in Mitteleuropa war der Betrieb von Getreidespeichern von zentraler Bedeutung für das Auskommen. Ein Scheitern kann rückblickend einfach nachvollzogen werden, da es teure Zukäufe oder Hunger zur Folge hatte. Hingegen ist es für gewöhnlich schwer, Vorratshaltungsstrategien für Getreide unmittelbar zu beobachten. Noch schwieriger und aufgrund des Fehlens entsprechender Quellen zumeist unmöglich ist es, die Bildung der zugrundeliegenden ökonomischen Erwartungen zu rekonstruieren.Die Kastenrechnungen des Regensburger St. Katharinenspitals eignen sich hervorragend, um Subsistenzstrategien vom späten 17. zum späten 19. Jahrhundert zu untersuchen. Das Spital musste als karitative Einrichtung stets die Lebensmittelversorgung von mehr als 100 Insassen und Mitarbeitern sicherstellen. Ein Vergleich mit narrativen Quellen erlaubt eine empirische Auswertung der Getreidepolitik hinsichtlich ihres (Miss-)Erfolgs in Bezug auf die Ernährungssicherung und eine Überprüfung der Genauigkeit von in den Quellen a priori festgehaltenen Erwartungen.Die Quellen enthalten monatliche bis wöchentliche Einträge zu den Marktpreisen sowie die Mengen an Weizen, Roggen, Gerste und Hafer, die im Kasten des Spitals aufbewahrt, von dort verkauft oder verbraucht wurden. Daneben geben zahlreiche narrative Quellen Aufschluss zur sozioökonomischen Lage des Spitals im Zeitverlauf - eine ungewöhnlich dichte Überlieferung für einen Bereich mit oftmals lückenhaftem Datenmaterial. Weder die quantitativen noch die qualitativen Quellen wurden bislang wirtschaftshistorisch ausgewertet. Dieser einzigartige Datensatz erlaubt Einblicke in die Getreidepolitik des Spitals und ermöglicht eine tiefgehende Untersuchung des sonst schwer zu erfassenden Zusammenspiels von Erfahrung, Erwartungsbildung und ökonomischem Verhalten.Hat das Spital überhaupt eine Vorratspolitik verfolgt und wenn ja, wie hat sie sich im Zeitverlauf verändert und warum? Spiegeln sich darin Auswirkungen von Marktintegration und (ökonomischem) Lernen? Entspricht das wirtschaftliche Handeln des Spitals rationalen oder adaptiven Erwartungen oder anderweitig definierten Konzepten von Rationalität? Zeigen sich Hinweise auf kognitive Verzerrung? Nicht zuletzt war das Spital eine wohltätige Einrichtung. Inwieweit war die Vorratspolitik von sozialen und moralischen Normen geprägt? Und ganz grundsätzlich: Wird man der Komplexität des Themas gerecht, indem man die Untersuchung der Vorratspolitik auf moderne Konzepte von Erwartung und Rationalität beschränkt?Der weit in die Frühe Neuzeit zurückreichende Fokus des Projekts hilft zu beurteilen, inwieweit heutige Konzepte auf historische Fragestellungen angewendet werden können und wo stattdessen zeitspezifische Einflussfaktoren greifen.
DFG-Verfahren Schwerpunktprogramme
 
 

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