Detailseite
Briefe Hermann Scherchens
Antragsteller
Professor Dr. Joachim Lucchesi
Fachliche Zuordnung
Musikwissenschaften
Förderung
Förderung von 2010 bis 2014
Projektkennung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 180815243
Die Briefe des in Berlin geborenen Dirigenten Hermann Scherchen (1891 bis 1966) bilden noch immer ein markantes Desiderat innerhalb der musikgeschichtlichen Forschung zum europäischen 20. Jh. Von den vorhandenen Briefen an weltweit verstreuten Aufbewahrungsorten sind bisher nur die wenigsten veröffentlicht (unter 10 Prozent). Obwohl sie Dokumente von hoher Aussagekraft sind, fand einerseits der dem mainstream des öffentlichen Konzertbetriebs sich verweigernde Scherchen selbst bei Musikologen lange nicht die nötige Aufmerksamkeit (es war nach Scherchens Tod ab 1966 still um ihn geworden); andererseits verwehrten der verstreute und z. T. schwer zugängliche Nachlass sowie urheberrechtliche Fragen die Nutzung dieser Quellen. Doch Scherchen gehört nicht nur zu den führenden Dirigenten in der 1. Hälfte des 20. Jh.s, er ist auch unter ihnen nochmals eine Ausnahmeerscheinung: keiner hat sich neben Normen setzenden Interpretationen des klassischen Repertoires so intensiv für die neue Musik seiner Zeit eingesetzt wie er, keiner kann eine vergleichbare Menge von Welturaufführungen von Schlüsselwerken der Moderne nachweisen. Gleichzeitig hat er (auch das ist für den Dirigentenberuf untypisch) in andere Bereiche des Musikbetriebs intensiv hineingewirkt: als Verlagsgründer und Herausgeber von Zeitschriften wie Notendrucken, als Experimentator der Elektroakustik, als Autor zahlreicher Aufsätze und Bücher (darunter das bis heute benutzte Standardwerk Lehrbuch des Dirigierens), als Musikforscher und Herausgeber alter Musik, als Orchestergründer, als Organisator von Musikfesten und als Lehrer. In seinen (auch brieflichen) Kontakten zu führenden Komponisten wie Busoni, Bartók, Schönberg, Berg, Krenek, Strawinsky, Varèse ist er ein souveräner Dialogpartner. Scherchen bleibt den verschiedenen Entwicklungssträngen (und Generationen) der zeitgenössischen Musik zwischen 1912 (Dirigent der Uraufführungstournee des Pierrot lunaire gemeinsam mit Schönberg) und 1966 (Uraufführung Terretektorh von Xenakis) treu: tritt also mit gleicher Vehemenz für die inzwischen klassische Moderne der 2. Wiener Schule ein wie für die junge Komponistengeneration nach 1945 (Henze, Nono, Maderna, Stockhausen). Die im Rahmen dieses DFG-Projekts begonnene Edition der Briefe Scherchens ist nicht nur für seine noch fehlende, umfassende Biografie von aussagekräftiger Bedeutung. Vor allem eröffnen die Briefe neue, interne Einblicke in die europäische Musikgeschichte des 20. Jh.s, in interpretationsästhetische Problemstellungen sowie in weithin unbekannte kunstgeschichtliche Aspekte, welche für die Forschung neue Themen und Aufgabenstellungen erschließt.
DFG-Verfahren
Sachbeihilfen
